Zurückgelassene Babyelefanten

Tausende, die eben noch „#stayathome“ zur Tagesparole ausgaben, sind in Wien wie auch in Salzburg vergangene Woche auf der Straße zusammengekommen, um zu demonstrieren. Das ist der Versammlungsfreiheit als Grund- und Freiheitsrecht nach jedenfalls erlaubt – angesichts der Geschehnisse in den Vereinten Staaten mitunter auch angebracht. Doch Coronavirus-bedingtes „social-distancing“ scheint in Vergessenheit geraten zu sein, Babyelefant ade? 

Durch die sozialen Medien ausgelöst, ging eine Welle der Solidarität mit George Floyd nicht nur durch Österreich. Auch in Deutschland trafen sich Tausende, um gegen die Vorkommnisse in den Vereinten Staaten zu demonstrieren. Das ist in Kenntnis des Hintergrundes, dem über neun minütigen Video, in dem ein US-Polizist George Floyd die Luft mit dem Knie auf dem Hals so lange und fest absperrt, bis er kurz darauf stirbt, sogar geboten. Kein Mensch, vollkommen egal welcher Hautfarbe, Herkunft oder Geschlechts, darf auf so brutale und elende Weise, wortwörtlich mit dem Gesicht im Dreck, sterben. Schon gar nicht durch hoheitliche, unverhältnismäßige Polizeigewalt. So etwas darf in einem Rechtsstaat niemals passieren.

Quelle: zackzackzack

Anlässlich dieser Geschehnisse in den Vereinten Staaten versammelten sich am Donnerstag rund 50.000 Personen in Wien. Fünfzigtausend! Das war einerseits die größte Demonstration seit Jahren in Österreich und andererseits auch das erste große Zusammentreffen seit Beginn der Coronakrise in Österreich. Quasi die erste richtige Großveranstaltung für das neuartige Virus. Der erforderliche Babyelefanten-Mindestabstand von 1,5 Meter wurde kaum eingehalten, was angesichts der Menschenmassen rein platztechnisch auch gar nicht möglich gewesen wäre. Dazu die Sprechchöre, durch die große Mengen an Aerosolen auf engem Raum verteilt wurden. Das scheinbare Super-Spreading-Event: ein Hohn für viele in der Bevölkerung. Denn noch vor sehr kurzer Zeit blickten wir geschockt auf das Sterben im benachbarten Italien, in Großbritannien oder aber eben auch in den Vereinten Staaten, nach New York. Wir verschanzten uns in unseren vier Wänden, versuchten bestmöglich Abstand zu Mitmenschen zu halten, um die Risikogruppe und vor allem uns selbst zu schützen. Angemeldete Demonstrationen wurden untersagt[1], Abstandsregeln peinlichst kontrolliert[2], Kultur-Veranstaltungen mit weitaus weniger Teilnehmer abgesagt[3], Kinder dürfen aktuell nur beschränkt in die Schule, Beerdigungen haben begrenzte Plätze – und plötzlich wirkt es, als hätte es all jene Beschränkungen nicht gegeben.

Es scheint somit quasi alles zuwiderzulaufen, was eben noch über die Gefahr des Coronavirus und die notwendigen Abstandsregeln gesagt wurde. Der Babyelefant, scheinbar mittlerweile im Zoo sitzend, anstatt in freier Wildbahn! Tausende in Salzburg, zigtausende in Wien. Die Bekämpfung der Corona-Pandemie war scheinbar gestern und eine Karawane steht nun dicht gedrängt in den Straßen und geht Schulter an Schulter, meist ohne Babyelefanten-Mindestabstand, meist ohne Masken. Als wäre der Hype rund um die Corona-Pandemie-Gefahr vorbei, die Empörungs-Modus nun out und ersetzt. Es scheint, als würde es ausgerechnet die sozial Engagierten, die vor kurzem noch „Wer den Mindestabstand nicht einhält gefährdet sich & andere“ in den Supermarktreihen posaunt haben, nicht kümmern, welche Auswirkungen eine solche Überschwemmung öffentlicher Plätze zu Zeiten des Coronavirus haben kann.

So wenig wie möglich, unter Abwägung des Versammlungsrechts als Grund- und Freiheitsrecht und des Rechts auf Unversehrtheit und Gesundheit, sollte das Demonstrationsrecht auch in Krisenzeiten angetastet werden – doch sind dicht gedrängte Menschenmengen zu einem Zeitpunkt der Ungewissheit einer möglichen zweiten Welle des Coronavirus gesundheitlich bedenklich. Das Demonstrationsrecht nicht wahrzunehmen, wäre unter den gegebenen Umständen (auch) ein Zeichen der Umsicht gewesen. Auch ein Statement – nur auf andere Art und Weise, den Babyelefanten wohl im Hinterkopf in freier Wildbahn sehend: aus Rücksicht auf unsere Mitmenschen.


[1] https://www.sn.at/panorama/oesterreich/demonstration-in-wien-von-polizei-aufgeloest-86672650, abgerufen am 11. Juni 2020

[2] https://zackzack.at/2020/04/06/strafen-chaos-bei-covid-19-massnahmen/, abgerufen am 11. Juni 2020

[3] https://apps.derstandard.at/privacywall/story/2000117518647/bregenzer-festspiele-stehen-vor-der-absage, abgerufen am 11. Juni 2020

Bildquelle: https://zackzack.at/2020/06/05/black-lives-matter-50-000-setzten-zeichen-gegen-rassismus/, abgerufen am 11. Juni 2020