24 Hour Party People

Manchester in den späten Achzigern: Ein rotes, kolosseumförmiges Gebäude steht inmitten des typisch britischen Stadtbilds: Der mittlerweile legendär gewordene Nachtclub >>The Hacienda<<. Es scheint so, als hätte man diesen Fremdkörper aus Rom entführt und backsteinrot übermalt nahtlos in die viktorianische Architektur hineingetarnt. Hier, an der Ecke Princess St und Charles St, stehen mittlerweile Luxusappartements, das Hacienda wurde längst dem Boden gleichgemacht. Und doch ist hier ein Stück Musikgeschichte kleben geblieben.

>>Ravers<< auf der Mainstage des Hacienda, 1989 , © Peter J Walsh

Eine Lichtstimmung aus tristem Grau, besprenkelt von akzentuierten Rottönen. Ein grauer Schleier und bedingungslos herunterprasselnder Sprühregen, der sinnbildlich für diese Stadt im Nordwesten Englands steht, die als Industriegürtel seit dem beginnenden 19. Jahrhundert schon selbstverständlich den Spirit der Arbeiterbewegung atmet. Auch aber steht diese Tristesse für Ängste, wirtschaftliche Sorgen und das Gefühl, alleine gelassen zu sein von den Entscheidungsträgern der Politik. Die von Premierministerin Thatcher gepredigte wirtschaftliche Erholung schien bloß auf die Städte im Süden des Landes beschränkt, der Norden war wieder auf sich allein gestellt. 1988 dann fängt der selbst in Manchester gebürtige Morrissey diesen Geist der Hoffnungslosigkeit unter der Führung Thatchers ein: >>Margarete On The Guilloutine singt<<, singt er – Und England hört dem ehemaligen Smiths-Leadsänger, ja hört endlich seinem gebeutelten Norden, zu.

Thatcher prägte eine Politik des wirtschaftlichen Individualismus: Im Herzen Londons fuhr man nun BMW und Porsche, im Norden jedoch stieg die Prozentzahl hinter dem Schlagwort >>Arbeitslosigkeit<<. Alldem entgegnete Manchester mit einer hedonistischen Fluchtbewegung, beflügelt durch ihren noch nie dagewesenem Sound, tranceartige Raves und einer synthetischen Droge, die im Nachtleben der späten Achziger buchstäblich in aller Munde war: Ecstasy. Vom Kapitalismus alleingelassen mischte man sich, wohl als Trotzreaktion, eine perfekte Symbiose aus den schnellspringenden House-Beats Detroits und Chicagos und den Vocals lokaler Indie-Bands zusammen. Ein Genre, das sich später >>Madchester<< taufen sollte, entstand. Die Pupillen waren riesig groß – und die Beats gingen da voll mit.

Rückblende in das Jahr 1976 und Eröffnungsszene des Winterbottom Films >>24 Hour Party People<<, vielleicht also urban legend, vielleicht auch wahre Zeitgeschichte: Die Sex Pistols spielen in Manchester ein, eleganterweise ausgedrückt, mittelmäßig gut besuchtes Konzert. Eine der einflussreichsten Britischen Punkbands der ausgehenden Siebziger, die an diesem Abend vier Jungs und einem ambitionierten Plattenmanager im Publikum ein Wegweiser sein sollte. Joy Division trifft auf Tony Wilson, wird kurz darauf bei Wilsons Independent Label Factory Records gesigned und sollte nur kurze Zeit danach mit Songs wie >>Love Will Tear Us Apart<< eine Vorreiterrolle einnehmen in England. Zu klassischen Punk-Riffs mischte man Synthesizer hinzu und erstmals überrollte eine Post-Punk-Band aus der unbedeutenden Nordwestregion die Bühnen eines ganzen Landes, ja der ganzen Welt. Nach dem tragischen Suizid von Leadsänger Ian Curtis erfindet sich Joy Division 1980 schon gänzlich neu: Aus Joy Division wird New Order, aus Post Punk wird New Wave und simultan dazu tanzt sich eine ganze Generation Jugendlicher in Baggy-Jeans und Tie-Dye T-Shirts den glatten Matsch, den Industriemüll am Boden Manchesters, schön.

Zusammen mit Wilson gründete New Order kurz nach der Bandgründung, 1982, den Nachtclub >>The Hacienda<<, der zum späteren Epizentrum einer ganzen Jugendkultur werden sollte. DJ’s mischten nun psychedelische House Beats bei Liveauftritten der Smiths und New Order ein, eine wilde Mischung, nahtlos zusammenlaufend wie der Wolkenmix aus schmutzigen Schlieren im hohen Norden Englands. Spätestens Anfang der 90er eroberte die >>Baggy<< Ravekultur ganz Europa mit ihrem Mix aus Psychedelia und Alternative. Den Ausgangspunkt bildete seit jeher das Hacienda. >>The Hacienda really was the greatest night of your life<<, schreibt Guardian Kolumnist John Harris, und ein Guardian Kolumnist muss es ja wissen. All diese Autoren von himmelgepriesenen Blättern, Times, New Yorker, Spiegel und eben Guardian, stürzten sich hinein in diese neue Nachtclubkultur. >>Madchester<< war das heruntergerockte Narrativ, das sich der Feuilleton immer schon schön stilisieren wollte. 

Auf einem Band-Contest, natürlich im Hacienda, werden die Happy Mondays von Tony Wilson entdeckt und natürlich prompt bei Factory Records gesigned. Der Name dabei rekrutiert aus dem legendär gewordenen New Order Song >>Blue Monday<<, der Stil aber grundlegend weiterentwickelt. Mit dem typisch rave esken psychedelischen Disko-Rhythmus, gepaart mit einem souligen Rückblick auf die Hippie-Bewegung der 60‘s und 70‘s, schafften die Mondays den perfekten Treffer auf den Zeitgeist einer drogenbetäubten Rave-Manie. Neben den bereits kultigen Stone Roses waren die Happy Mondays nun Pop geworden. Die Helden des Nordens hatten längst Einzug im Süden gefunden. London war musikalisch Manchester geworden.

War man dort jung, im Großbritannien der späten Achziger, so geleiten Mondays Songs wie >>Lazyitis<< und Stone Roses Matineen wie >>I Wanna Be Adored<< wohl durch die Zeitläufte einer unbekümmerten Partyjugend aus besinnungslosen Raves als Trotzreaktion gegen die beharrlich gnadenlose Wirtschaftspolitik Margaret Thatchers. Und Happy Mondays Sänger Shaun Ryder kreischt mit weiten Pupillen, die sich ungewöhnlich viel Platz im Auge zu nehmen scheinen: >>You’re my melon, man! Y’know, you talk so hip, man, you’re twisting my melon, man, call the cops!<<, die legendäre Eröffnungszeile von >>Step On<<.

Die Mondays und Stone Roses, ob man will oder nicht, lösen Erinnerungen aus.

Die Bewegung endete dann genauso schnell wie sie einmal ihren Anfang genommen hatte. Factory Records ging Mitte der 90er Pleite, die Ecstasy Welle nahm langsam ihren Auslauf und einstige Gesichter einer Szene wie die Stone Roses und Happy Mondays verschwanden ohne große Ankündigung, still und heimlich von der großen Bildfläche.

Doch aber sind die Ausläufer der Madchester-Bewegung noch immer greifbarer denn je. Aus der Asche der Stone Roses erhob sich ein BritPop Genre, beflügelt von Oasis, ohne das es heute wohl keine Bands wie die Killers, Arctic Monkeys oder Kooks geben würde und die Nachtclubkultur ebbte nach ihrem astronomischen Aufstieg nicht mehr ab. Mit einem Dance Sound, der unverkennbar seine Ursprünge im Frühwerk New Orders sucht, sollte Daft Punk allein in den Nullerjahren sieben Grammys gewinnen.

Sind die Happy Mondays heute keinesfalls allgemeinanerkannte Musikgeschichte und das Hacienda längst ein Haufen Backsteinmüll geworden, so bleibt doch eine Konstante im Selbstverständnis Manchesters bestehen:

Eine 24 Hour Party für die Geschichtsbücher und eine Subkultur, die letzten Endes wohl doch nur kurzzeitige Fluchtbewegung war.

© Patrick Lientschnig