I just wanted to be one of the Strokes

2001 war da „Is This It“. Und 2001 waren da auf einmal wieder Skinny Jeans und gezielt kaputtgestylte Männerköpfe in Lederjacken auf den Straßen New Yorks zu sehen. Kurz an der Jahrtausendwende vorbeigeschrammt retteten die Strokes mal eben den Garage-Rock, der zwischen Techno und Trashpop fast unterzugehen drohte. Was dann folgte war das pure Mittelmaß einer Band, die sich das Erbe ihres Gesamtwerks wohl mit ihrem Debüt bereits verpulvert zu haben schien. Nun legen die Strokes ihr sechstes Album „The New Abnormal“ vor. Ein Ausbruch aus der kreativen Dürre der 00er und 10er für die Band?

© Jason McDonald

Alex Turner von den Arctic Monkeys, selbst bereits Rock Heiligkeit geworden, trällert ein mühselig dahingeschloddertes „I just wanted to be one of the Strokes“ in seiner Matinee „Star Treatment“ daher. Immer wieder covered er auf seinen Shows die größten Hits der New Yorker Band. Auch die Killers würden ohne „Is This It“ wohl Sound Cloud–Indie machen und die Vaccines oder Black Keys würden bloß im heimischen Keller ihren Schuh abspielen. Für ein Genre, das eigentlich bereits totgeschrieben war, lieferte Julian Casablancas mit seinen Strokes gewissermaßen die Asche, aus der sich ein heute gewordener Mainstream erhob.

All das war der Ausfluss der gekonnt mühelosen Coolness dieser Band. Mit einer vehementen Verweigerung von musikalischem Einsatz kam die Debütplatte damals daher. Schrottig aufgenommen, Casablancas‘ Vocals fast zu kratzig und gepitched um den Text zu verstehen und so unglaublich sentimental, ohne doch je ein Gefühl von Nahbarkeit für das Quintett aufkommen zu lassen. Die Strokes waren Kult, noch einen draufzusetzen schien jedoch nahezu ein Ding der Unmöglichkeit zu sein.

Was darauf folgte waren vier Alben in chronologisch absteigender Gutheit. Hatte „Room On Fire“ 2003 noch Momente der so hochzelebrierten musikalischen Schlampigkeit und war „First Impressions Of Earth“ immerhin noch mit dem monumentalen Gitarrenriff von „You Only Life Once“ geschmückt, so kamen „Angles“ aus 2011, vor allem aber das 2013 veröffentlichte „Comedown Machine“, der Hinnahme dieser ikonischen Band zugleich, musikalisch im schlichten Verwaltungsmodus zu verweilen. Das Fanherz blutete, wartete ganze sieben Jahre vergebens auf einen Rettungsanker, der nun mit „The New Abnormal“ gekommen sein könnte.

Die Bandmitglieder wandten sich in ihren persönlich dunklen 10er Jahren vorwiegend eigenen Basement-Projekten zu. Julian Casablancas machte mittelmäßigen, aber doch mit Lichtblicken versehenen Alternative Rock mit seiner Band The Voidz, Albert Hammond Jr. entschlüsselte mit einigen Soloprojekten seinen Hang zum Experimentellen und Nick Valensi, Nikolai Fraiture sowie Drummer Fabrizio Morettie frönten sich in einer konsequent erfolgsarmen Umtriebigkeit.

Das Flaggschiff „The Strokes“ schien inmitten einer horrend überzogenen Leistungserwartung völlig kaputtgefahren, doch kurz vor der aktuell vielzitierten Pandemie dann kam die Band mit einem Knall zurück. Im Rahmen der Präsidentschaftswahlkampagne des Demokraten Bernie Sanders lieferten Casablancas und Co eine Konzertkampagne ab, die die Musikwelt aufatmen lies. Ein neues Album, das erste seit fast sieben Jahren, wurde feierlich angekündigt. Die beiden vor Release veröffentlichten Songs „At The Door“ und „Bad Decisions“ waren dann wieder ein Fingerzeig ins Ungewisse.

In „At The Door“ üben sich die Strokes, wie in ihren niederkritisierten Platten zuvor, in einem Gerüst aus hochexperimentellem Zwang. Etwas Retrofuturistisches hat man dargelegt, doch scheint erstmals wieder dieses einzigartig heruntergerockte Dröhnen in Casablancas‘ Vocals durch. Auch wenn man sich hier wieder mit ein bisschen zu viel Psychedelischem verspielt hat, so liefert das Schlussdröhnen der Single doch einen solch wohligen Abklang, in den man sich am liebsten besinnungslos hineinfallen lassen möchte.

„Bad Decisions“ hingegen war dann ein hellender Lichtblick für die Musikbranche. Dabei hat man sich wenig verschleiert dem Soundgerüst von Billy Idols „Dancing With Myself“ bedient. Auch wenn die Referenz hier völlig offengelegt wird, haut Morettie erstmals wieder viel zu hart in die Drums, Casablancas‘ singt wieder kratzig wie Kreide auf Tafel und kreiert dadurch ein Spaceshuttle zurück in das Jahr 2001. Der Song könnte problemlos auch Track 4 auf „Is This It“ sein, und während ein solches Argument bei anderen Bands eher von Einfallslosigkeit und fehlender musikalischer Fortentwicklung zeugt, so scheint dieser Schwenk in die Ursprünge bei den Strokes doch mehr als willkommen zu sein.

Erstmals leugnet das Manhattaner Quintett auf seinem neuen Album wieder jeglichen Hang zur Ambition – und das ist groß! In „Brooklyn Bridge To Chorus“ und „Ode To The Mets“ wird nach langer Durststrecke endlich wieder die Dreckigkeit New Yorks musikalisch ergründet. Wäre das Chrysler Building ein Song, es wäre wohl auf dieser Platte wiederzufinden. Sonst spielt man sich, wie bei den verhassten zwei Voralben, gewollt viel mit Synthesizern und fast zu verkopften Gitarreneinlagen. Doch aber scheint endlich wieder dieser im Grundkonsens so verhasste Anstand abhanden gekommen zu sein. Die heißgeliebte Abgefuckedheit dieser Band ist endlich wieder spürbar – und folglich kann man beim Strokes-Hören wieder beliebend darüber sinnieren wie es wohl wäre, selbst ein heruntergekokster Post-Punk-Hipster zu sein, ja einmal selbst so cool zu sein wie Julian Casablancas, wenn er sich bei Jimmy Kimmel in völlig verweigernder Heiserkeit krächzend mit der ikonischen Zeile des Songs „Someday“,  „Oh, Maya says I’m lacking in depth“, in ein Rode Mikrofon verewigt.

Auch wenn die experimentellen Elemente auf „The New Abnormal“ kaum ablegbar durchscheinen, so haben es die Strokes erstmals wieder geschafft, ihr monumentales und wohl einflussreichstes Werk für den Garage-Rock der letzten 20 Jahre zumindest an Qualität und solch typisch niederschmetternder Coolness anzukratzen. Nach einer langen Zeit des Durchschnitts ist das wohl das bittersüßeste musikalische Highlight dieses gebeutelten Jahres 2020.

© Patrick Lientschnig