Ben – Zwischen Rausch und Ruhm

Der gegenwärtige Status Quo: Heute ist Benjamin von Stuckrad-Barres Glatze das Konterfei des deutschen Modeworts >>Popliterat<<. Seine Reportagen sind die Linse in eine zerrüttete Zeit, seine zerrüttete Vergangenheit und fast immer eine Hommage an seine großen Idole um Udo Lindenberg, Billy Joel und Helmut Dietl.

Stuckrad-Barre im perlweißen Anzug wie einst Westernhagen in Jörg Fausers Verfilmung >>Der Schneemann<< , © IMAGO

Ben war jedoch ein zerrissener Junge. Für den ökofanatischen Pastorenvater früher wohl jener Programmpunkt beim Tischgespräch mit Bekannten, der unter dem Prädikat >>beschämend<< stattfindet. Ben war kokainsüchtig, drohte daran zu zerbrechen. War essgestört, Bulimie, das Erbrechen ein täglicher Begleiter. Ein vom Ruhm gezeichneter Bestsellerautor.

Stuckrad-Barre wächst in Rotenburg an der Wümme auf. Eine Präposition im Ortsnamen, bezeichnend für die fade Kaffwüste Westdeutschlands. Eigentlich ein blinder Fleck für jeden Anflug von Glitz und Glamour. Er beschließt dort seinen Lebensweg frontal ins Rampenlicht. Der Motor immer auf volle Drehzahl, Runterkommen gleich Stillstand, den es unbedingt zu vermeiden gilt.

Ein gewisser Udo singt sich in ebendieser Zeit in die Herzen der BRD, immer den Hut aufgesetzt und bestimmend in die Stirn gezogen, die Stimme totaler Blues. Er bespricht in udoesker Fantasiesprache den Zeitgeist eines geteilten Deutschland in den ausverkauften Mehrzweckhallen der Bundesrepublik. Auch aber predigt er ein Leben abseits der Norm, eine einzige große Party im Dauerrausch. Er erfindet den Panikexpress.

Ben hört zu, vom Kinderzimmer aus. Möchte da mitmachen. Udo wohnt im Hotel Atlantic, Hafencity, nahe dem St. Paulianer Kiez. Die Sehnsuchtsstadt Hamburg flimmert in Bens Kopf auf, beflügelt durch sein großes Idol.

Udo bespricht ein Leben in den dunklen Ecken des Nachtlebens, der Panikexpress kracht unermüdlich und ungebremst vom öden Alltagsdeutschland querfeldein durch die ganze Republik. Rotenburg an der Wümme hält als Contra-Argument nur Dorf entgegen. Ben flieht nach Hamburg und beginnt den Weg auf Deutschlands Kulturbühnen, zunächst als junger, wildgewordener Musikkritiker, der Gefallen daran findet, den Großen der Szene ans Bein zu pinkeln.

Er provoziert sich zum Prestigeträger seiner Szene, schreibt für den Rolling Stone, erlangt 1998 schließlich branchenübergreifend Bekanntheit mit seinem Debütroman >>Soloalbum<< und arbeitet nebenbei für seinen großen Sehnsuchtsmentor Harald Schmidt. Sein Roman wird 2003 verfilmt. Ein junger, etwas milder als heute gelockter Matthias Schweighöfer in der Hauptrolle. Er spielt Ben.

Eigentlich ein wahnsinnig guter Anfang, doch ein Leben auf voller Drehzahl bringt auch Ereigniswahn mit sich. Ben entdeckt das Nachtleben, stürzt sich im Freiflug hinein in dieses Walhalla seiner Sehnsüchte.

Was folgt sind Kokain- und Magersucht, ein Leben auf der Kehrseite der sozialen Norm. Mit Konsequenz arbeitet er an der eigenen biographischen Unübersichtlichkeit.

Er verliert sein großes Idol aus den Augen, Udo ist schon längere Zeit im Karriereloch gefangen. Die Texte einfallslos, die Platten zu monoton. Ben schreibt noch immer für den Rolling Stone, schreibt >>seinen<< Udo völlig kaputt. Udo wird für Ben bloße Jugendsünde.

Schlussendlich aber soll ihm ebendieser immer dagewesene, Ben bis dato aber nie bekannte, rebellische Wegweiser aus Jugendzeiten in seiner dunkelsten Phase aus dem Drogensumpf helfen. Stuckrad-Barre und Udo Lindenberg treffen sich, mögen sich. Udo gewinnt Ben wieder, wie er ihn einst auf dem Schulhof per Walkman gewonnen hatte. Hat sich Ben in den Jahren davor ziel- und erfolglos durch die Entzugskliniken des Landes gepennt, schafft es ironischerweise erst der selbst durchaus suchtaffine Udo, ihn wieder in die Bahn zu kriegen.

In seinem Buch Panikherz reüssiert Stuckrad-Barre 2016 seinen Existenzkampf, stellt seine Abgründe in einer monumentalen Art und Weise selbst bloß. Eine Selbstfindung auf 576 Seiten Druckpapier als gnadenlose Zerpflückung der eigenen zerstörerischen Rauschpfade.

Ein Buch über die Freundschaft, über Helden, Schmerz und Rettung und all die anderen Dinge, die uns ausmachen. Ich habe lange Nichts gelesen, was mich so berührt hat.

Ferdinand von Schirach

In der Folge widmet sich Stuckrad-Barre Reportagen. Er gräbt nach Geschichten im Alltag, trifft Leute. Politiker, Musiker, Schrotthändler und Aktivisten. Vom Schreibtisch aus entziffert er seine Umwelt, macht sie lesbar. Seine Texte porträtieren dabei eine Weltsicht aus Widersprüchen.

In >>Auch Deutsche unter den Opfern<< reist er mit Angela Merkel im Zug quer durch ganz Deutschland, beschreibt den Wahnwitz der Fanmeilen bei der WM 2010 und wutbürgert ein ganzes Kapitel darüber, dass Elektrofachmärkte einfach und pur scheiße sind.

Stuckrad-Barre ist Beobachter, ein Feingeist mit ausgeprägtem Sinn für das grob Überspitzte. Zwischen dem Hamburger Hotel Atlantic und dem Chateau Marmont in Los Angeles wird alles niederbeschrieben, was auch in der intellektuellen Spannweite von Heidi Klum bis Tagesschau weggecasted werden würde.

Die Textsammlungen als Reporter entwirren den Synapsenzirkus der Gesellschaft Deutschlands. Ein Grundkonsens im deutschen Feuilleton beschreibt es als die literarische Champions League der Alltagsbeobachtung.

Ben wird Stil-Ikone, ganz nebenbei.

Markante Ader an der Schläfe, Glatze und herausragende Wangenknochen – eine Puristik des Mannbilds als Weltformel für die roten Teppiche des Landes. Aufgeknöpftes und blau-weißgestreiftes Hemd, Auftritt im perlweißen Anzug, als wäre er aus Helmut Dietls Kir Royale, dem München der Sechzigerjahre, entflohen. Zwischen den Sehnsuchtsorten Los Angeles und Berlin atmet er die Selbstverständlichkeit eines exzentrischen Dandys. Die Selbstinszenierung ist nun gewissermaßen Rauschersatz geworden, denn Kokain und Alkohol sind längst bloße Randziffern einer vergangen drohenden völligen Selbstzerstörung.  

2010 wird Ben GQ Mann des Jahres.

2018 dann veröffentlicht er sein neuestes Buch mit dem herrlich überlangen Titel >>Remix 3 – Ich glaub mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen<<. Es ist wieder eine Reportage, wie es auch schon >>Auch Deutsche unter den Opfern war<<. Es ist auch abermals eine knallharte Gegenwartsbekundung, in der sich Stuckrad-Barre bedingungslos ranschmeißt an die unterschiedlichen Facetten >>seiner<< Bundesrepublik.

Das Buch landet wieder in den obersten Riegen der Bestsellerlisten – wie immer, wenn Stuckrad-Barre ein Druckerzeugnis vorlegt. Klar doch, versteht er sich doch selbst als Grandesse, als Popstar der deutschen Schriftstellerszene.

© Patrick Lientschnig