Fass mir ins Gesicht, Christian Drosten

In Zeiten wie diesen sehnt man sich nach jemandem mit „Prof. Dr.“ als Namenspräfix. Diese bescheidene Introduction schreibt sich auch Cristian Drosten in den Lebenslauf. Der Virologe wurde in Zeiten der Krise durch seinen NDR-Podcast „Das Coronavirus-Update mit Christian Drosten“ zum nüchternen Volksberuhiger. Er erzählt auf den Punkt gebracht wieso man jetzt draußen Mundschutz tragen sollte und erklärt nebenbei selbst der hohlsten Dose exponentielles Wachstum – fast so als wäre er die perfekte Symbiose aus Mathe mit Daniel Jung und Bundeskanzlerin. Ein Podcast Review!

© IMAGO

Erstmals hat man das Gefühl, die eigene Gegenwart könnte irgendwann einmal in einem Unterstufengeschichtsbuch stehen. Zwei Absätze, ein Schaubild: Eine weltweite Pandemie. Zuerst Panik, dann ein Wir-Gefühl und ein unvergesslicher Sommer im Abspann. Ein versöhnlicher Zukunftsblick, doch gerade in Zeiten wie diesen ist es wichtiger denn je, Informationen aus seriösen Quellen zu schöpfen.

Vor ein paar Monaten noch war Christian Drosten der breiten Öffentlichkeit völlig unbekannt. Die wildgewordenen dunklen Locken, der warme niedersächsische Nuscheldialekt. In den Fachkreisen der Virologie zwar hoch geschätzt, der Moni an der Gemüsetheke des Billa Hanuschplatz aber gänzlich fremd. Dann kam das Coronavirus – und mit ihm ein Wunsch nach nüchterner wissenschaftlicher Expertise. Nun ist der 48-Jährige Emsländer gewissermaßen zum Funken Ruhe in der Panik geworden. Seine Souveränität als Ruhepol für die Bürgerin, seine fachliche Kompetenz als Kompass für die politischen Entscheidungsträger.

Blickt man auf Drostens Vita ist es wenig verwunderlich, dass er gerade jetzt mit dem schlagenden Label „Gefragter Mann“ gebrandmarkt wird. Früher arbeitete er am Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg, erforschte tropische Viruserkrankungen im Windschatten der St. Paulianer Ladungsbrücken. Danach wirkte er am Universitätsklinikum im rheinischen Bonn, seit 2017 schon ist Drosten Leiter des Instituts für Virologie an der renommierten Berliner Charité. Der Emsländer war immer schon ein Umtrieb in seinem Fachgebiet, um das salopp zu sagen. 2003 entwickelte er das erste Testverfahren für das Sars-Virus. Ein Bundesverdienstkreuz und gut 17 Jahre später den ersten Test für das neuartige Coronavirus aus Wuhan.

Der akribische Wissenschaftler kennt das Virus wie kaum ein anderer, paart dies mit dem inneren Drang zu größtmöglicher Transparenz. Unter dem Motto „Alles muss an die Öffentlichkeit“ forderte er schon früh Verbote von Großveranstaltungen – zunächst weder von Gesellschaft und Politik erhört. Dieses blinde Auge auf die Wissenschaft hat sich um 180 Grad gedreht. Drosten ist zum Vertrauensmann der politischen Krösen des großen Nachbarn Deutschland geworden. Gesundheitsminister Jens Spahn fragt ihn um Rat, Angela Merkel hat ihn auf Durchwahl und wohl das gesamte Kanzlerkabinett würde gerade jetzt seine studierten Locken bei Tinder auf das grüne Herz swipen. Die warme Stimme hetzt nun per Fahrrad durch die Berliner Mitte, zwischen Ministerien  und Behörden umher. Dazwischen forscht Drosten mit seinem Team unermüdlich an neuen Erkenntnissen zu CoVid-19, macht alles neu gewonnene Wissen in seinem Podcast publik. Kein Wunder also, dass ihn die Berliner Zeitung nun den „Herr der Viren“ labelt.

Täglich von Montag bis Freitag ist Drosten in seinem NDR Podcast für rund 30 Minuten auf Sendung, referiert tief sachlich, dennoch leicht verständlich über die Pandemie. Er entwirft dabei mögliche Zukunftsszenarien, entdröselt den Status Quo und durchdringt eine Panik, die der Boulevard und Frankreichs Präsident Macron als „Corona-Krieg“ aufbauschen, mit größtmöglichem Know-How. Auch wenn er dabei oft Beunruhigendes erläutern muss, verzichtet er vehement auf jegliche Art von Alarmismus. Während Angst in Zeiten der Unsicherheit für Stillstand sorgt, eine Negativspirale, funktionieren die harten Fakten gewissermaßen wie ein Leuchtturm inmitten des Chaos um Ausgangssperren, Social-Distancing und immer erschreckenderen Nachrichten aus Italien, Spanien und den USA.

So realitätsfern das klingen mag, wurden Virologen zu den Opinion Leadern eines gebeutelten Jahres 2020, Drosten allen voran. Ein akribisch denkender Wissenschaftler wurde Popkultur. „Fass mir ins Gesicht, Christian Drosten“, schreibt eine Userin auf Twitter, eigene Fanpages drucken sein Konterfei auf den berühmten „Hope“ Wahlbanner von Barack Obama und sein etwas unsortiertes Gesicht ist auf ein Cover der Gentlemen’s Quarterly gephotoshopped.

Christian Drostens Credo, ist es, in Krisenzeiten mit belegbaren Fakten das Auge der Gesellschaft zu wagen. Er tut es mit Erfolg.

„Das Coronavirus-Update mit Christian Drosten“ gibt es überall, wo es Podcasts gibt. Montag bis Freitag, ein garantiertes All You Can Eat –Buffet der Sachlichkeit.

© Patrick Lientschnig