Pandemisch effizierte Deglobalisierung

Das Corona-Virus überrollt uns wie ein Tsunami, lässt die Welt stillstehen. Die Geschwindigkeit unseres täglichen Lebens wurde auf „ein Minimum“ gedrosselt. Ungekannte Herausforderungen treffen das verwöhnte westliche Europa mitten in das seit Jahren permanent schneller und schneller schlagende Wirtschafts-Herz. Der Osten ist defacto lieferunfähig. Die Auswirkungen sind spürbar – negativ als auch positiv: eine Krise – eine Chance.

Gesundheitssysteme in ganz Europa drohen zusammenzubrechen. Es fehlt an wichtigen Medikamenten, medizinischen Geräten und zunehmend an Personal. Kliniken beklagen Engpässe bei Beatmungsgeräten, chirurgischen Masken and so on. Negativ. Doch Dinge ändern sich nur durch Krisen. Jede Krise gleicht einer neuen Chance. Positiv.

Zu Gewinnern, der Gewinn

Gewinn zu machen ist die Voraussetzung schlechthin für gesellschaftliche Akzeptanz im fortgeschrittenen Jahrhundert. Um diese gesellschaftliche Akzeptanz (dt. für „Gewinn“) zu maximieren, wurden bedeutende Produktionszweige aus dem „teuren“ Europa in den „billig“ scheinenden Osten ausgesiedelt. Europa exportiert sein Know-How seit Jahren zunehmend und importiert just in time seit Jahren die Erzeugnisse dessen aus Fernost. Diese Art des billig-seins, der modernen Arbeitsteilung, ermöglicht rasches Wachstum und ungeahnte Möglichkeiten – auf bis dato unvorstellbaren Kosten. Die für uns teuren, gesundheitlichen Folgen der Globalisierung treffen nun anstatt der Billig-Lieferung aus dem Reich der Mitte ein. Die Kehrseite der Abhängigkeit von der billigen Werkbank wird zutage gebracht. Die Zulieferkette ist gestört, da erübrigt sich jedes Notfall-Lieferketten-Management. Die Folgen sind zusehends wahrnehmbar für uns verwöhnte Alibaba-Kunden: es werden erste Engpässe bei Medizinprodukten deutlich. Nun sind wir bei Schutzmasken- und Medikamentenlieferungen teilweise auf unsere selbst in Not geratene Freunde aus Asien angewiesen. Wenn in Österreich bis zu 80 Prozent Abhängigkeit aller Generika zu Buche schlägt, ist es kein schemenhaftes Mysterium, dass derzeit wichtige, gesundheitliche Wirtschaftsgüter nicht rasch genug nach Europa gelangen. Diese Abhängigkeit entwickelte sich wortwörtlich in den vergangenen Jahren, dem Preisdruck konnten heimische Pharmaindustrien nicht mithalten, die hiesige Produktion wurde faktisch zu teuer. Die Schäden potenzieren sich und können und werden auch Menschenleben kosten.

Neben den Unternehmen wollen auch die Konsumenten um jeden Cent innerlich zusammenfantasierten Gewinn machen. Wenn in Fernost billiger ist, wird dort bestellt. Doch wir werden umdenken müssen. Denn wir beeinflussen mit unserem systematischen „Geiz is geil“-Kaufverhalten die Wirtschaft. Freuten wir uns Anfang Jänner noch über persönliche Ersparnisse von wenigen Euros aufgrund der Bestellung aus Fernost, sollten wir diese nun selbstdifferenziert hinterfragen und substantiiert anzweifeln. Denn die kontinuierlich zunehmende Abhängigkeit von ausgelagerten Produktionsstätten fernab der eigenen Grenzen hat neben den positiven Effekten vor allem auch gefährliche, gesundheitliche Nebeneffekte für jeden von uns. Dieser Abhängigkeit sollte von uns gegengesteuert werden. Wenn wir Konsumenten umdenken, können Unternehmen künftig (wieder) heimisch produzieren und mögliche Abhängigkeiten von einzelnen Zulieferern so reduziert werden. Das vermeintliche Einsparen beim Kauf von Produkten außerhalb der Grenzen kann zu knapp gedacht sein. Als Gedankenanstoß in Form einer classy-Detox-Selbstreflexion nach (oder während) Corona dient die Welchen-Preis-bin-ich-für-meine Gesundheit-bereit-zu-zahlen-Frage. Ask it yourself.

Aus diesem (hoffentlich) kurzzeitigen Ereignis langfristig die richtigen Schlüsse ziehen und eine Neubewertung der globalen Auslagerung effektuieren – sollte die Devise lauten. Eine Abkehr des Billig-um-jeden-Preis, ein quasi back to the roots, eine annähernde Renaissance einer Unterform des Protektionismus. Damit in ein paar Jahren der als nachgeschmissen billig verschalte Bumerang nicht (erneut) als Bedrohung zurückkommt.

© Felix Haidenberger