Going Underground

Zwischen teuren Markenklamotten, Musik, Kameradschaft und Fußball hat sich im England der Achtzigerjahre eine Subkultur herausgebildet. Eine, die bis heute geblieben ist. Die Casuals prügelten sich in Fred Perry Poloshirts und teuren Markensneakern gegenseitig die Rivalität aus dem Schädel. Nun sind sie friedlich – geblieben sind nur die Fred Perry Poloshirts. Und die teuren Sneaker natürlich.

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Mit dem englischen Fußball ist es so eine Sache. Manch einer spricht ihm mittlerweile den Charakter ab, so soll er ihn irgendwo zwischen Ölscheichmilliarden und Emirates-Ärmelflock im Liverpooler Hafen versenkt haben. Während die Frankfurter Ultras in der Commerzbank Arena Woche für Woche ein halbes Silvester veranstalten, gleicht das Publikum des Etihad Stadium in Manchester eher dem eines Marathons. Halbherzig, halbanwesend und halb daheim geblieben. Mit den Augen halb am Iphone, halb am Videowürfel und beiläufig am Fußballplatz. Hauptsache man war da und hat einmal „De Bruyne“ gegröhlt.

Doch aber spielt sich Englands Fußball in geschichtsträchtigen Baukästen ab. Fulhams Craven Cottage, Chelseas Stamford Bridge. Im Hintergrund Industriebauten, Hochhäuser aus roten Backsteinziegeln. Das muss das „Charming“ sein, das Morrissey besingt. Die Menge, sitzend, raunzt sich tiefbritische Altanglizismen zu. Intention tiefgreifend beleidigend. Londoner Rhyming Slang trifft auf Liverpooler Hafenschnoddrigkeit. Der Fußball aber spricht eine Sprache: Grenzenlose Rivalität. Dem trotzend trifft man sich nach dem Spiel im Pub, stößt an, begräbt die Rivalität an der Seitenlinie und trällert gemeinsam The Smiths. Dem Kommerz zum Trotz hat sich der britische Fußball Kulturüberbleibsel geschaffen, die ihn immer noch weltweit einzigartig machen. Kulturüberbleibsel, die sich die Casuals mittlerweile zum heiligen Grahl hochleben.

Im Hintergrund läuft „Going Underground“ von The Jam, Britpophymne der frühen 80er Jahre. Im Hauptbild prügeln sich junge Männer auf den Feldern der Londoner Docklands, vormaliges Hafengebiet, gegenseitig die Köpfe ein. Sie tragen Stone Island Windbreaker, Adidas Samba Turnschuhe und Levi’s Röhrenjeans, sehen so aus wie ein wandelnder High Snobiety Instagram Post. Doch treten sie aufeinander ein, schlagen sich gegenseitig ins Bewusstseinsnirvana, bis die grüne Wiese in einem Rot erstarrt wie die Backsteinhäuser der Hintergrundszenerie des Londoner Nordostens. Der Film „Hooligan“ aus 2009 erzählt die Fanrivalität von West Ham United und dem F.C. Millwall. Ein Spielfilm, orientiert an wahren Zeitläuften.

Nun aber mal von Anfang an: Die 70er waren die Goldgräber-Ära des FC Liverpool. 1977 gewann man den Pokal der Landesmeister, später dem Zeitgeist folgend in Champions League umbenannt. Die Fans reisten mit, die schlichte Arbeiterschaft der Merseyside als dauerhafter Zaungast in den Arenen von Mailand, Paris und Barcelona. Sie plünderten im Vorbeigehen die Klamottenläden der en vogue-Modehegemonialen Europas leer, importierten dadurch einen bis dato in England unbekannten modischen Angriffspakt mit auf die Insel. Mit Labels um Ellesse, Fila und New Balance fand der harte Kern seine Abgrenzung zum üblichen beiläufig stattfindenden Marathonpublikum in den Fankurven, gehüllt in Replica-Fußballshirts mit Spielerflock. Der Hardcore Fan schuf sich eine völlig neuwertige Identität durch Designerklamotten aus Italien und Frankreich.

Zunächst war dies auch durchaus Tarnmanöver, war doch der klassische Hooligan Aufzug in Bomberjacken, aufgerollten Levi’s Jeans und Doc Martens ein stillschweigendes Auslieferungsabkommen an die britische Polizei geworden. Skinheads wurden nun zu Modeikonen, die Straßen der englischen Vorstadt zu einem barbarischen Spieltags-Laufsteg. Die Casuals-Szene, sie definierte sich zunächst über die Konstante der Gewalt, die Sergio Tacchini Trainingsjacke ziert ein Blutfleck.

All dies nahm ein ende am Schicksalsdatum 15. April 1989. Die Hillsborough Tragödie von Sheffield setzte eine Zäsur in die gewaltbehäufte Hooliganszene Englands. Die einstige Invariable der gewaltvollen Rivalität nahm langsam ein Ende, begleitet von rigorosen Sicherheitsmaßnahmen in den Stadien, Stehplätze wurden abgeschafft, die Stimmung in den einstigen Hexenkesseln Englands erlebte nun europaweit einen Ruf  als Herabwürdigungsattribut. Heute ist die tätliche Aggression bloße Anekdote in den Geschichtsbüchern der Subkultur geworden, einstige Konstanten sind jedoch geblieben.

Bands wie Oasis, Blur, The Libertines, New Order und The Cure, die Liste ist schier endlos, schöpften ihren unfassbaren Erfolg begründet in der Casuals-Szene. Man definierte sich ein Gefühl von Kameradschaft aus den tiefbritisch betonten Lyrics, Synthesizer Beats und Indie Bassgitarren. Was einst Gewaltorgie war wurde nun friedliche Wahlverwandschaft in den Pubs des Landes. Das erhobene Pint ersetzte die erhobene Faust und die Brit-Pop Ära kam ins Rollen, spätestens seit der Europameisterschaft 1996 im Mutterland des Fußballs selbst. Football’s Coming Home …

Heute dirigiert Julian Nagelsmann sein RB Leipzig über den grünen Rasen der Red Bull Arena. Seinen Jackenärmel ziert der unverwechselbare Kompass von Stone Island. Pep Guardiola tut es ihm modisch gleich, schwört ebenfalls auf die qualitative Simplistik des italienischen Modeschöpfers Massimo Osti. Früher sah man das fast in Vergessenheit geratene Label bloß auf den Tribünen der Anflield Road, getragen von der Arbeiterklasse Liverpools, heute dreht auch Drake auf Instagram den linken Arm gen Kamera, um den fast mythisch gewordenen Ärmelflock von Stone Island zu inszenieren. Einstige Alleinstellungsmerkmale der Untergrundkultur sind längst Pop geworden. Fila Schuhe werden im Deichmann verkauft, auch der Sachbearbeiterpapa lässt Oasis durchs Wohnzimmer pumpen und, wie gesagt, sogar Drake trägt nun englische Fußballgeschichte auf.

Sucht man den Hashtag „casualculture“ auf Instagram spuckt die Seite rund 130.000 Beiträge aus. Die Fankurve teilt nun ihre Adidas Gazelle Turnschuhe, ihre Fred Perry Shirts und Fila Beanies, wirksam in Szene gesetzt. Man vernetzt sich, schafft Online Foren und Shops, trägt den Gedanken, der einst Underground war, hinaus auf eine grenzüberschreitende Spielfläche.

Aus der einstigen Hooligangruppierung der Casuals ist eine modische Universalbewegung geworden, von Berlin bis Mailand, von Bilbao bis Sofia. Die Subkultur überlebte ihre Jahrzehnte, ihre eigene gebeutelte Zeitgeschichte.

Wo die schiere Gewalt längst verschwunden ist, lebt ein Gemeinschaftssinn weiter. New Order – Bizzare Love Triangle spielt im Abspann. Ein Hoch auf die Fußballkultur, drei Löwen auf dem Shirt.  

© Patrick Lientschnig