Traumfabrik Kleve – NRW

Atalanta Bergamo ist DAS Überraschungsteam der letzten beiden Jahre. Champions League Achtelfinale, Platz Vier in der Serie A, tabellarisch eingekesselt von Inter Mailand und dem AS Rom. Das Kleinstädtchen im Windschatten von Mailand hat sich den Glitz und Glamour der Königsklasse nie erträumen lassen – doch aber bekommen. Inmitten dieser Underdog Story schreibt sich ein deutscher Linksverteidiger selbst den Lebenslauf groß: Robin Gosens. Eine Geschichte irgendwo zwischen Niederrhein und dem Etihad-Stadion in Manchester.

© Emilio Andreoli/GettyImages

>>Dat ist kaum zu glauben, wat alles passiert ist<<, sagt Gosens im Zeit-Interview. Ein Dialekt, der selbst Champions League erdet. Gefangen in einem Traum, den er nie zu träumen wagte. Der Shootingstar der europäischen Fußballbühne hatte bürgerliche Pläne. Erst Abi, dann Polizeischule. Ein Leben zwischen Daniel Hechter-Shirts und Thermomix. Der deutsche Inbegriff von >>es soll ihm mal gut gehen<<. Fußball war dabei Nebensache. A-Jugend des Vfl Rhede, höchste Leistungsklasse am Niederrhein. Amateurfußball mit Anspruch. Doch aber ein Fußballerleben das stattfindet zwischen zertretener Tartanbahn, verkalkter Vereinsimbissbude und verschwitzt-dampfenden Kabinenkacheln.

All das sollte sich ändern, als sich eines Tages ein Scout des niederländischen Erstligisten Vitesse Arnheim in die Rhedensche Ödnis Nordhein-Westfahlens verirrte. Eigentlich kam er wegen einem anderen Spieler, doch Gosens lieferte ab, schoss sogar ein Tor. Pferdelungenpotential. Aus einem Probetraining folgte mit zarten 17 Jahren ein Wechsel in die U19 von Vitesse, nur 40 Kilometer Luftlinie Kleve entfernt. Ein Außerirdischer inmitten von Playstation-spielenden Kickern aus dem abgeschotteten Kosmos europäischer Nachwuchsleistungszentren. Eine Feldstudie gegen die Zeitläufte des modernen Fußballgeschäfts.

Gosens Fußballerleben in den obersten Riegen des niederländischen Rasenballs ist jedoch gezeichnet von Sollbruchstellen. Sein damaliger U19 Trainer Peter Bosz prophezeit ihm eine ungewisse Zukunft im zentralen Mittelfeld. Gosens wird linker Verteidiger – wechselt zum FC Dordrecht in die Zweitklassigkeit. Auch hier fällt es ihm schwer, Fuß zu fassen. Die Lücke im Lebenslauf trägt den Titel >>Nachwuchsfußball in der provinziellen Bedeutungslosigkeit<<. Sie droht, zum Verhängnis zu werden. Ein klarer Fingerzeig zurück in die Vergangenheit, in den westfählischen Unterklassenfußball, bis Heracles Almelo seine Fühler ausstreckt. 70 Profispiele später, 2017 dann, folgt der Wechsel zu Atalanta Bergamo, von den Fans liebevoll die Göttin, >>La Dea<<, genannt. Ein logischer Schritt für einen Karriereweg in den europäischen Mittelklassefußball, schon eine Dimension, die sich ein Robin Gosens nie zu träumen wagte. Was dann folgte war eine einzige große Schlagzeile in sämtlichen Medienressorts der Sportwelt.

Bergamo fasst rund 120.000 Einwohner, liegt nordöstlich von Mailand und ist UNESCO Weltkulturerbe. Wäre eine Stadt ein Tommy Hilfiger Basic-Shirt, sie wäre Bergamo. Ein Grundkonsens, angesiedelt in der tabellarischen Mitte der Serie A. Die Saison 2018/19 verkörpert dann die Zäsur ins Positive. Dritter Platz. Atalanta darf die Champions League Hymne per AUX Kabel durchs San Siro in Mailand dröhnen lassen, das heimische Gewiss-Stadion erfüllt die strengen Auflagen der Königsklasse nicht. Gosens ist mittendrin, mausert sich vom unbedeutenden Reservisten zum fangeliebten Dauerbrenner linksaußen neben der Dreierkette.

Zagreb, Donezk und Manchester City in der Gruppenphase hindern Atalanta nicht am Erfolgslauf. Vergangenen Mittwoch hat man den FC Valencia im Achtelfinale mit 4:1 aus dem San Siro katapultiert. Gosens war treibender Motor zwischen Defensive und Offensive, ist nun allbewährter Protagonist, hegemoniale Figur in den europäischen Fußballgazetten. Beim Espresso trinken in der Innenstadt Bergamos muss er sich nun den Kapuzenpulli tief ins brünett-bedeckelte Gesicht ziehen. Spät aber doch ist der 25 Jährige ein Star. Eine Sozialstudie, die eher anmutet wie jedes X-beliebige Wandtattoo: >>Alles ist möglich, everything’s possible!<< – in gekrakelten Buchstaben über der Küchenzeile.

Zwischen Etihad und San Siro hat Robin Gosens jedoch eins nicht verloren: Seine Bescheidenheit. Er weiß um die Vergänglichkeit seiner persönlichen Hochphase, war doch seine Karriere bis dahin von Sollbruchstellen und Leistungshochs gezeichnet. Er studiert nebenbei an einer Fernuni Psychologie, sieht nicht ein, wie einige Kollegen, den ganzen Tag bloß stumpf X-Box zu spielen.

Die Akte Robin Gosens zeichnet die Geschichte eines Traums, der stets unnahbar schien. Vom Ascheplatz in die Champions League. Einer, der nie aufgab. Einer für Jogi Löw?

© Patrick Lientschnig