Gemischtes Hack – Podcasten am Rande der Erträglichkeit

„Frauen haben einfach einen besseren Zugang zur Pfanne“, sagt Felix Lobrecht. „Hitler“, konterpartiert Tommi Schmitt, „Hitler fährt Hyundai, hält sich auf dem Stepper fit.“ – ein mäßig gelungener Auszug aus der Bild Reportage des Hitler-Neffen. Die Ampel der Schmerzgrenze des gepflegten Gesellschaftsvoyeurismus steht auf dunkelgelb,  Lobrechts Benz, hier als Gag umkörpert, brettert einfach durch. Der Podcast „Gemischtes Hack“ tanzt Woche für Woche Samba auf den Nasen des wohlportionierten Loriot-Humors.

Felix Lobrecht & Tommi Schmitt, © Marvin Ruppert

Die Erfolgsformel ist der Humor, teils grenzverschieden, immer aber voll auf die Schnauze. Oft aneinander vorbei, doch mit dem gemeinsamen Ziel, immer noch einmal einen Schocker nachzulegen. Erträglichkeit ist hier wie das Sinnbild von Desinfekt auf dem Sani Fair-Autobahnklo: Bringt auch nicht mehr viel.

Lobrecht ist Berliner Atze durch und durch. Aufgewachsen in Neukölln, die Mutter früh tot. Probleme waren omnipräsent. Die lebendgewordene Feldstudie aus dem Hauptstädter Problemkiez. Mit Boxerschnitt und Unterhemd entdeckte er während dem Politikstudium in Marburg seine Liebe zum Poetry Slam. Lampenfieber. Lose Berliner Schnauze. Das Unterhemd wich zeitnah dem Gucci Shirt, das halbkaputt gespuckte Mikrofon auf der Uni Party der Mercedes Benz Arena. Was blieb, war der Boxerschnitt. In einem Zeitalter, in dem jeder halbblonde Irgendwannprominente im Dschungelcamp auf Authentizität pocht, IST Felix Lobrecht eins: authentisch. Seinen Erfolg erkennt er darin, dass die Konkurrenz, die da am Comedypreis herumwackelt, einfach „scheiße ist“. Der ehrliche Ausdruck eines Nationalempfindens.

Tommi Schmitt hingegen ist die genaue Kehrseite der gesellschaftlichen Medaille. Arztsohn aus Detmold, Ostwestfahlen. „Gutbürgerlich“ trifft hier wohl genauso passend zu wie der Aufdruck „Surf Nation“ auf einem Jack&Jones Shirt, das er wohl in seiner Jugend getragen hatte. Nun jedoch ist er so eine Type Scotch&Soda-Mann, chic-schlicht, getragen von einem gemächlichen rheinischen Akzent. Der brünette Kopf verwuschelt, die Gedanken darunter noch zerzauster. Während seinem Journalismusstudium in Köln schrieb er bereits Gags für den StandUp von TvTotal, nun setzt er diesen Weg für Late Night Berlin fort und schreibt sich den Arbeitstitel „Stern-Kolumnist“ auf die Vita. Dass da ein Podcast folgen musste – natürlich logische Konsequenz. Die Autorenriege also, von Schmitt, über Micky Beisenherz bis hin zu Sophie Passmann, belebt Das wieder, was Oliver Pocher sich in den Zehnerjahren einmal mit ins Fernsehgrab hinein geschaufelt hatte: Eine facettenreiche deutschsprachige Unterhaltung.

Der Alltag ist das, woraus jede noch so halbwitzige Unze hinausgepresst werden muss. Schmitt ist Chronist dieses Alltäglichen, als allseits bespielbares Medienbrett muss er auch tagtäglich zwischen einem Gewusel aus SZ und Freizeit Revue das herausfiltern, was die deutsche Filterbubble gerade bewegt. Lobrecht haut drauf, jedes Wort ein Gag. Eine studierte Weltsicht mit beischwingender Straße. Ein Politikwissenschaftler, der zwischen Afghanischen Kumpels, hartem Deutschrap und Problemen seine Heimat fand. Wie unnötig sind eigentlich Dachse? Warum ist Heute Journal-Sprecher Claus Cleber schief und wie heißt eigentlich das Problemviertel von Hannover? „Hannover“.  Natürlich!

Ein dunkelschwarzer Humor, gepaart mit einer durchaus moralischen Direktive. Bei alldem abseits der satirischen Leichtkost nehmen die zwei nämlich in durchaus unironischer Weise zentrale Themen in Angriff. Sie verurteilen übermäßigen Fleischkonsum, begreifen die Untiefen des Extremismus und schaffen dadurch Bewusstsein in einer zu Tode aufmerksamkeitsgefixten Hörerschaft als Schnittbild einer ganzen Gesellschaft.

Gemischtes Hack, das ist über das Ziel hinaus schießen. Das ist Sozialstudie zwischen „Die da oben“ und „Die da unten“.

Das ist ein Experiment, das funktioniert.

© Patrick Lientschnig