Gags direkt auf’s Fressbrett – Der Großmeister Harald Schmidt

Da steht er, der graue Wolf, punktiert wild gestikulierend, der Mund so typisch-schelmisch verzogen und der Anzug, auch wenn oft ein farblicher Fehlschluss, maßgeschneidert auf diesen Körper von Moderatorenstaatsmann. Harald Schmidts große Tage auf Sat1 sind längst nur noch Randziffern in den Fernsehgeschichtsbüchern, doch dieser Phänotyp Late-Night-Host lebt weiter in seinen bekennenden Jüngern rund um Benjamin von Stuckrad-Barre, Jan Böhmermann und Charlotte Roche.

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Schmidt versteht sich selbst als Wortakrobat, als Chronist des Alltäglichen, der ebendieses alltäglich Geschehene, sei es aus FAZ, SZ oder Münsteraner Wochenblatt, derart verbanalisiert, dass am Ende noch irgendwo ein gestochen scharfer Gag herauskommt. Vermutlich ist die Kunstfigur „Dirty Harry“ einer der einzigen und auch letzten unantastbaren Figuren der deutschsprachigen Fernsehunterhaltung. Ein Look von David Letterman, ein Meister der schlagfertigen Replik – fast so als hätte man die Rhetorik von Altkanzler Helmut Schmidt und Jan Böhmermann zusammengeklont. Er ist wohl einer dieser Type Mann, der in der Lufthansa Business Lounge eine drei Liter Wasserflasche bestellt, ein halbes Glas trinkt und den Rest der 17 Euro Flasche dann einfach bestimmt neben den Wasabinüssen zurücklässt. Dann ist erst mal durchschlafen bis Berlin-Tegel, weil am nächsten Tag wieder der deutschen Humoristik die Stange gehalten werden muss. Dieser alltägliche Luxus ist dann nur noch lästiges Nebenprodukt, Hauptgeschäft ist die Grenzlinie der intellektuellen Komfortzone.

RTL2, der Bumssender von RTL, der die ganzen Titten- und Rammelproduktionen machen darf und sie abgeben muss, wenn sie Erfolg haben.

Harald Schmidt

Die Harald Schmidt Show

Nach einigen nur mäßig erfolgreichen Geplänkeln in diversen Sendungen wie „Verstehen Sie Spaß?“ sollte für Schmidt 1995 schlussendlich der Durchbruch gekommen sein. In der Kunstfigur als bildungsbürgerlicher Welterklärer predigt „Dirty Harry“ von Köln aus Show für Show Millionen von Zuschauern das deutsche Zeitgeschehen. Fünf Tage die Woche ist jede Schlagzeile ein Gag, der in einem solch beißenden Zynismus und so pointiert dargeboten wird, dass sich die Political Correctness nur noch unterwürfig vor dem Showman Harald Schmidt verneigt. Einerseits tut er das mit dem feinen Florett ganz nach Loriot, andererseits wird aber auch einfach mal mit der Satirekeule spartanisch draufgehauen, wenn zum Beispiel eine der Tagesschau Sprecherin Susan Stahnke ähnelnde Schauspielerin in Reizwäsche inmitten einer Sex-Szene gezeigt wird. Trotz Feuilleton-Gutmenschen Kritik ist die Harald Schmidt Show der Jahre 1995 bis 2003 jedoch eines: Bewegtbild-Bibel für eine Riege an Fernsehmachern für die das Grenzen ausloten Lebensziel ist. Eine „das-wird-man-wohl-noch-sagen-dürfen“ Bewegung, die der Ödnis des deutschen Fernsehens rund um Mario Barth und Barbara Schöneberger wenigstens noch ein kurzes Schmähgedicht entgegenhält.

Wenn du als Frau in Köln überwiegend homosexuelle Läden vermeiden willst, musst du zuhause bleiben.

Harald Schmidt

ARD, Sat1 Rückkehr und Sky

Nach seinem Schockabgang bei Sat1 versucht es Schmidt noch durchaus erfolgreich bei der ARD, bis seine persönliche, die Bunte würde sagen, „Sexbeichte“, in Form von Oliver Pocher kam. Schmidt sah im bekanntlich eher mit mäßig viel Talent überträufelten Pocher seinen perfekten Konterpart – retrospektiv einer seiner wenigen Fehler der zeigt, dass auch der Unnahbare einmal menscheln kann. Pochers Sprachgewandtheitsniederlage konnte Schmidt nur damit wieder ausbügeln, dass er ebendiesen nach einem misslungenen Gag als „miese kleine Type“ bezeichnete. Da war er noch einmal kurz aufgeblitzt, dieser schmidtsche Hau-Drauf Zynismus. Nach seinem Aus im öffentlich-rechtlichen Quotenkonservatismus folgten Schmidts völlig erfolglose Rückkehr zu Sat1 und schließlich der letzte Ausweg, Pay-TV bei Sky. Auch dort fehlte ihm jedoch der altbekannte Biss, die Sendung wurde schließlich wortkarg abgesetzt.

Allgemein sind die Jahre 2011 bis 2014 ein etwas bittersüßer Abgang für den einst ikonischen Quotenpapst. Nichtsdestotrotz aber bleibt Harald Schmidt für das deutsche Fernsehen eines: eine „große, zwar miese aber dennoch heldenhafte Type“.

Vorspiel, oder wie es bei den Pädagogen heißt: Unterricht.

Harald Schmidt

© Patrick Lientschnig