„Jerks“ in der Fernsehkritik – All You Can Eat am Fremdschambuffet

Mario Barth macht das Olympiastadion Jahr für Jahr humorbehindert, Marcel Reich-Ranicki verweigert 2008 legendärerweise den Deutschen Fernsehpreis, weil er es so schlimm findet, dass er „das alles viele Stunden ertragen musste“ und irgendwo in Mainz staatsmännert ein Heute Journal Anzugintellektueller ein müdes „heute `bisschen wolkig über Aachen“ ins ZDF Mikro. Das ist ja schließlich Kultur, Qualität, Programmauftrag! Das deutsche Fernsehen hat sich abgeschafft und auch wenn das zu sagen eine so unerträgliche Abgedroschenheit ist, mit der jeder Spatenkolumnist, sei’s in der Backnanger Kreiszeitung, ganz frech Fortnite am Dancefloor „Rasierklinge“ tanzt, ist sie doch traurige Wahrheit.

© ProSieben

Die Serie „Jerks“ möchte dieser Grundverachtung für den Zuschauer ein Ende setzen – und das versucht sie hauptsächlich mit einer noch dickeren Schippe an Verachtung für den Zuschauer. Herrlich! Christian Ulmen und Fahri Yardim spielen sich seit nun drei Staffeln selbst und grätschen dabei in so ziemlich jedes Pipikacka-Fettnäpfchen, das sich da irgendwo am Potsdamer Vorstadtboden auftut. Das Konzept funktioniert ja bekanntlich. Bastian Pastewka hat sich ja auch schon mit seiner liebevoll produzierten Matinee „Pastewka“ zu einer Nonsens-Laudatio am Comedypreis geschleimt. Ulmen und Yardim schlagen jedoch mit „Jerks“ einen völlig neuen Graben auf. Noch derber, noch flacher, noch dunkler und – so sehr man sich das selbst auch nicht eingestehen mag – noch um einiges lustiger.

Gegen die hier dargestellten Inhalte war Bernd Stromberg schon fast Gutmenschenaktivist. Die Gretha Thunberg des moderat portionierten schwarzen Humors sozusagen. Bei „Jerks“ hingegen wird schonmal über Behinderte gelacht, mit einer krebskranken Frau Schluss gemacht und auf den Tod des Vaters vom besten Freund gewettet. Wenn der Humor hier bildlich gesprochen irgendwo am Himalaya rumschwirrt, dann ist die Erträglichkeitsschwelle für den Arte-Kulturfaschisten in Holland oder sonst irgendeinem erdebenen Sumpf zuhause. Dezenz hier zu suchen wäre, als würde Marko Arnautovic Goethe zitieren: Völlig utopisch. 

Derbe eklig wird’s in der dritten Staffel „Jerks“, als Christian Ulmen das Periodenblut seiner Tochter am Badezimmerboden mit Himbeereis verwechselt. Der pure Ekel und so haarsträubend, dass ich mich fast ins Watzmann gebeamed fühle, da speibst dich regelrecht an. Auch wenn dieses Credo, nochmal ein Stockwerk über den bloßen Fremdscham raufzudrücken eigentlich fast unerträglich ist, ist es doch der Beweis dafür, dass das Fernsehen eins noch kann: Etwas auslösen, schocken! Thommy Gottschalk und Oliver Kalkofe wird die Buchse dabei jedenfalls ganz leicht spannen, um die Jerks-Humorfarbe hier mal ganz dreist mit zu bedienen.

Ganz ehrlich, die Vorstellung, dass sich meine Eltern „Jerks“ anschauen, ist schon hart.

Christian Ulmen im Spiegel Online Interview

Auch in puncto Gaststars liefert man hier besser ab als der DHL Bote. Kay One, Klaas Heufer-Umlauf, Nora Tschirner und Marcel Reif, der nur zur Hodenkrebs Vorsorge geht, weil da so hübsche Medizinstudentinnen rumschwirren. Das ist Karneval für Mediennerds! Das ist Karneval für die Der Zeit – Kulturredaktion! Jegliche Dialoge in der Serie sind übrigens von den Darstellern selbst improvisiert, sie ziehen sich lediglich um einen grobgefassten Plot herum. Ob dieser Fakt jetzt unbedingt zur Sympathie für Ulmen und Yardim beiträgt sei dahingestellt, aber das ist riesig groß! Wir gehen wieder „Jerks“ gucken und freuen uns wie Lindsay Lohan vorm Koksdealer, wenn auch bisserl angspieben.

„Jerks“ gibt’s für Hartgesottene übrigens immer Dienstags um 22:45 auf ProSieben oder auf maxdome zu streamen.

© Patrick Lientschnig