Konsumverzicht > Flugverzicht – ein Standpunkt

Die Klima-Bewegung rund um Hofers „Zopferl-Diktatorin“ Greta ist immens und wichtig. Sie zeugt aber auch von einer Doppelmoral und skurrilen Glaubenssätzen. Mit „Flugscham“ als Hauptakteur der moralischen Integrität in der modernen grünen Welt von morgen. Ein kurzer persönlicher Nachtrag zur im Sommer geführten Debatte rund um das hyperventilierende Schlagwort „Flugscham“.

Das Fliegen (und damit meine ich nicht das auf die Fresse fliegen), wodurch man in relativ kurzer Zeit von Punkt A nach Punkt B auf unserem Planeten reisen kann ist einer der großen technischen Fortschritte in der Geschichte der Menschheit. Der Luftverkehr verbindet Menschen – verbindet Kontinente. Bringt Menschen unabhängig von der räumlichen Distanz zusammen. Bietet die komplette Auswahl diverser Möglichkeiten in Beruf, Bildung und persönlichen Erfahrungen für das ganze Leben. Als anfängliches Statussymbol der frühen Jahre der Fliegerei tendieren die Flugpreise gemäß einer mathematischen Funktion im Jahre 2019 gegen null. Der Flugverkehr hingegen strebt gefühlt gegen x ins Unendliche. Fliegen war noch nie so billig – die Menschen noch nie so reich. Da wäre ein Rückgang des Flugverkehrs ein Widerspruch in sich. Die Prognosen sagen deswegen eine Verdoppelung des Flugverkehrs bis 2050 voraus. Und klar, das Fliegen ist – ohne auf Zahlen eingehen zu wollen, worunter sich eh niemand etwas vorstellen kann – CO2 schädlich. Keine Frage, soll auch nicht verniedlicht oder -harmlost werden. Weg von der Mathematik, hin zu ethisch geführtem Halbdenken. Wenn wir einfach nicht mehr fliegen würden, hätte sich das angebliche Problem erledigt. Doch wir können fliegen. Denn genauso undenkbar wie acht Milliarden fliegende Menschen täglich ist ein globales Leben ohne fliegen. 

Es gibt zig Gründe, guten Gewissens on board zu steigen. Verwandte im Ausland besuchen, Geschäftsreisen und der jährliche Urlaub auf einer Insel, fernab des Heimatlandes. Freiheit! Die Welt außerhalb unseres Habitats kennenlernen, Kulturen und Menschen begegnen. Die Möglichkeit der Reise in die Welt ist einladend, die Versuchung diese anzunehmen groß – zu Recht. Will ich zu denen gehören, die den Daheimgebliebenen von Erfahrungen berichten oder den Erfahrungen anderer lauschen?

Dem nicht-Fliegen wurde inzwischen der doppelzüngige Stempel als Synonym für umweltbewusstes Leben aufgebrummt. „Ich stehe für Klimaschutz, ich fliege nicht.“ Die gegenwärtige soziale Norm kreischt in den Tiefen des Unterbewusstseins „Nein zum Fliegen… Nein zum Fliegen…“. Wie eine Schallplatte in Endlosschleife. Dazu im Takt schüttle ich irritiert mit dem Kopf. Wie eine Schallplatte in der Endlosschleife. Denn ich begrüße es, die Möglichkeit zu haben, Bauwerke, Menschen und Kulturen erfahren zu können und nicht aufgrund einer Ideologie auf solche prägenden Erlebnisse verzichten zu müssen.

Ich persönlich begrüße rationales, umweltbewusstes Denken – doch der Wahn selbsternannter Möchtegern-Moral-Junkies zu Lasten der persönlichen Erfahrungen und Freiheit geht mir zu weit. Öffnet man die halb geöffnete Schubladendenkweise zur Gänze, muss und wird man feststellen, dass nicht nur du und ich mit dem Flugzeug fliegen, sondern auch die gestern verzehrte, wortwörtlich „grüne“ #Avocado-Superfruit, die gestern in Peru noch grün gewesene und heute gelb-reife Banane und die morgen Nachmittag aus Chile verzehrten Nüsse – vom argentinischen „Spitzenfilet“ ganz zu schweigen. Auch die fliegen. Weit her. Der Weltweite Handel – einer der CO2-Emittenten. Und da kann man rational in facto vernünftig ansetzen. Am Lebensmittelkonsum anstatt am Welterfahrens-Verzicht.

Die Polemik rund ums Thema „Flugscham“ zieht Heuchler mit falschem Ökogewissen und halbe-Verzichtsethiker mit sich. Denn einerseits soll der als schlecht titulierte Urlaubs-, Freizeit- und Geschäftsflugverkehr weg – andererseits soll sich die Auswahl und ganzjährige Verfügbarkeit der Früchte in Lebensmittelläden nicht ändern. Um im Gegenzug „nichts“ flugtechnisch importieren zu müssen, soll die regionale Landwirtschaft produzieren – doch das Fleisch, das darf nicht teurer oder gar teuer werden. Ein Ding der quasi volkswirtschaftlichen Unmöglichkeit. Die Geschäfte quellen über mit aus tausenden von Kilometern herbeigeflogenem und als „frisch“ verkauftem Firlefanz. Doch der durch die Gesellschaft vermittelte freiwillige Verzicht auf die persönlichen Flugmeilen ändert genau (chilenische) Nüsse, wenn man daheim in der Urlaubszeit dann schon „wenigstens“ frische, selbst gemachte Smoothies mit Früchten jenseits der österreichischen Staatsgrenze schlürft, während der Sabber der Vorfreude aufs „Spitzenfilet“ aus Argentinien tropft – um so den persönlichen Ausgleich, guten Gewissens, im ausgedachten Grünen daheim, zu finden. Könnte man gleich hinfliegen, ne?

Hin zum freiwilligen Konsumverzicht, weg vom scheinheiligen Entgehen-lassen des Irgendwannnotwendigenurlaubs, weg vom Verzicht des Erfahrungen-Schmiedens und des Weltenkennenlernens. Konsumverzicht > Flugverzicht aka „Flugscham“! Ansonsten wird Surfen dank der vermittelten neuen sozialen Norm dann nur noch im Internet möglich sein. Apropos surfen. Das Internet ist einer der größten Stromverbraucher und somit CO2-Verursacher weltweit. Genug gefaselt. Bon Voyage und zipp.

© Felix Haidenberger