Volume Eins – IDOLE

Der große Helmut Schmidt hat in den letzten Atemzügen seines verbrauchten weil legendären Schaffens ein Buch geschrieben. >> Was ich noch sagen wollte << heißt es, eine Runduminszenierung von Schmidts Vorbildern. Man muss schon sagen – ein Norddeutscher aus dem Bilderbuch, ein Hafenlicht, Bundeskanzler und dabei der Inbegriff der Staatsmännigkeit, Mitherausgeber der Zeit, das dortige Büro angeblich vom exzessiven Kettenrauchen so wundervoll gelblich vergilbt – dieses Lebenswerk ist quasi eine verbindliche Bewerbung, Vorbild zu sein. Warum also nicht hier eine kleine monatliche Kolumne ins Leben rufen, die könnte man dann ja wiederum >> Idole << nennen. Liegt dann auch irgendwie auf der Hand, oder nicht?

Billie Joe Armstrong

© Pitchfork

Wir waren Zehn, die Welt schien absurd groß zu sein. Ja, auch die Heimatdorftristesse im Salzburger Vorstadtkaff hatte ihre Reize. Wir radelten zwischen endlos langen Kuhweiden und Doppelhaushälften in Senfgelbton umher. So eine Farbe, die ein stillschweigendes Hinnehmen von >> Tatort schauen und Feierabendbier verhaften << ist. Die pure Niederlage für uns. Aber is‘ eh alles egal, man ist ja Kind. Das nochmal schnell ins Gedächtnis rufen, mit frisch bestandenem Fahrradführerschein im Gepäck zum Nah & Frisch brettern, nah dem Tod ein neues Päckchen Match-Attax Bundesligakärtchen erschnorren. Roy Makaay in limitierter Auflage, diese niederländische Gottheit, die Woche für Woche Energie Cottbus, oder was auch immer da kommen wollte, standesrechtlich zerschoss, kabumms! Was hatte der nochmal für einen Schusswert bei Fifa 07? 91 oder so. Ja, der musste fortan Idol sein, das war uns klar. Vierte Klasse, wir waren die Kings auf dem Pausenhof. Glaubten wir in unserer Kuhdorfektase zumindest.

Im Mai 2009 legten Green Day dann ihre neue Platte >> 21st Century Breakdown << vor, und das sollte für mich der Beginn von etwas Größerem sein. Besser wie dieses nach auf Stange geraucht klingende Joe Cocker – Gegröhle aus dem Wohnzimmer, wenn Papa sich da wieder einschloss, war’s auf jeden Fall. Das ist Sitzplatz beim Open Air Konzert, das ist Sozialpornographie für Mittfünfziger und überteuerter Merch in XXL Größen – das ist wie Senfgelbton: Niederlage. Wir waren also Zehn, wir hatten was vor. Die Zuneigung der unangefochtenen Klassenschönheit bot sich da eigentlich wie auf dem Tablett als Zielscheibe für meinen Köpfler ins Teenage an. Mit der hatte ich ja schon zwei Jahre zuvor exzessiv in der Werkstunde gefüsselt, da könnte also durchaus was gehen.

Also, Vaters Sony Walkman aus der mir verbotenen Büroschublade hinausfingern und rauf auf das nach zertretener Capri Sonne aussehende, völlig verdreckte Mountainbike. Natürlich begleitet von Green Day radle ich nun mit von Got2B zerfressener, aber allerfeinster Justin Bieber Frisur, für die ich der Friseurin extra ein Poster aus der Bravo ausgeschnitten habe, zur Volksschule. Der Schweiß beißt sich dabei förmlich aus dem Quicksilver Roundneck Pullover raus – ich bin nervös bis in die letzte Faser, aber bereit wie nie zuvor, die Göttin ausm Nachbarsdorf, an die sich bisher noch keiner herangetraut hatte, endlich zu erobern.

>> She is paranoid like

Endangered species headed into extiction

She is one of a kind

Well, she’s the last of the American girls <<

Billie Joe Armstrong presst mir mit gewohnt heruntergepitchter Stimme diese lyrische Wunderformel auf voller Lautstärke in die Ohrmuschel. Das ist Punk – MTV mit halbnackten und herrlich dümmlich wirkenden Westküstenmodels! So will ich auch sein, keine Frage, also: >> Hey, willst du mit mir gehen? <<  >> Nein. << Naja, das war ja auch so als würde Arsenal London gegen Sorja Luhansk Mittnovember Europa League spielen. Ich sollte dabei jedoch nicht Arsenal sein dürfen.

>> She’s a hurricane

Yeah she’s the last of the American girls <<

Zurückweisung ist ja auch gar nicht so schlimm, hat mir zumindest Dr. Sommer mal eingetrichtert, aber war dann auch völlig egal weil auf der nächsten Seite schon der Bodycheck wartete. Schließlich war unsere Protagonistin hier ja auch ein völlig unkontrollierter >> Hurricane <<, wie Armstrong mir so schön ins Ohr gepunked hatte. Also nochmal ein obligatorisches Burton Logo, diesen abgrundtief hässlichen Pfeil, auf den Handrücken kräkeln und zuhause Luftgitarre-spielend zu >> Restless Heart Syndrome << etwas selbstbemitleidend in den Schlaf versinken. Das mit dem Zusammenkommen mit der Traumfrau konnte man ja auch die Tage mal übers Sony Ericsson angehen, etwas diskreter wäre das, zeugt vielleicht von Größe. Tat es natürlich nicht, Billy Joe Armstrong und Green Day waren Schuld daran – und deswegen auch sowas wie das erste große Idol, perfekt für diese Kolumne.

>> It’s something unpredictable, but in the end it’s right

I hope you had the time of your life <<

Ein Zitat aus Green Days abgedroschenstem Schnulzenlied >> Good Riddance << als Abblende, passt hier perfekt. Punkt.

© Patrick Lientschnig