Die moralische Insolvenz des politisch obdachlosen HC

Er geht nun, ein für alle Mal. Nach jahrelanger politischer Überlebenskunst, konsequentem und schließlich erfolgreichem Dirigieren „seiner“ FPÖ wurde er letztendlich durch die Regierungsbeteiligung seiner Partei belohnt und gleichzeitig bestraft. Denn eine Nacht im Zuge der Nationalratswahl 2017 mit too much Vodka-Bull wurde ihm zum Verhängnis: eine politische Love-Story ohne Happy-End.

Es war mittlerweile vorherzusehen: Heinz-Christian Strache verkündete am Dienstag, dass er sich vollständig aus der Politik zurückziehen und die von ihm 14 Jahre lang geführte Partei verlassen werde. Anders als damals bei der Verkündung seines Rücktritts als Vizekanzler wirkte Strache diesmal nicht wie die Übermüdung auf zwei Beinen. Ein glasige Blick, dunkle Augenringe und eine in Falten gelegene Stirn als Sinnbild für den katastrophalen persönlichen Zustand HCs damals. Das Gegenteil war diese Woche der Fall. In seinem Gesicht spiegelt sich gar etwas Zufriedenheit – er wirkte frisch, befreit, frei. Etwas wirr war dafür die Location. HC vor Weinflaschen sitzend verkündet sein politisches Aus. Vergangenheitsbewältigung mithilfe der Selbstironie?

HC war sein Leben lang ein politischer Akteur und gibt diesen Weg nun auf. Er schaffte es, sich (und fahrplanmäßig die FPÖ) zu einem großen „Player“ in der österreichischen Innenpolitik aufzubauen. Step by step. Die Geschichte HCs und der jetzige Absturz ins politische Aus hat so irgendetwas wie ein jahrelanges Aufbauen eines Clash-of-Clans-Dorfes und folgender Account-Sperre. Oder ein bisschen schlimmer. Er packt an, die Partei war Teil oder eigentlich Inhalt seines Lebens. Der wurde – bis vielleicht auf seine Familie – nichts übergeordnet. „Und ja liebe Freunde“, grölte er in Bierzelten, tourte zig Mal durch das Land, wandte sich besorgten Bürgern zu und rappte schlecht gereimte Songtexte – nicht einmal dafür war er sich zu schlecht, immer den kommenden Erfolg eines Rechtspopulisten vor Augen.

Quelle: Kurier.at

Er wurde von einem höchst angriffslustige und emotionalen jungen Schlagzeilen-Politiker zu einem gemäßigten, anständig anmutenden Sport- und Beamtenminister und Vizekanzler. Sein persönlicher Höhepunkt, ohne kontroverser Tabubrüche. Doch es ging schnell zurück und bergab. Es war die Gier nach Anerkennung, die Gier nach Bestätigung, die ihn eines Tages – und früher als gedacht – einholen sollte. Der Bierzeltkaiser HC war so etwas wie das Paradebeispiel für „den kleinen Mann“ in Österreich – er alleine kämpft gegen „die da oben“. Es kam an, es gelang ihm. Zumindest insofern, als dass ihm seine Gefolgschaft, seine Wähler folg(t)en – doch um es mit den Worten von Sebastian Kurz zu sagen: Genug ist genug.

Alles verzeiht eine Anhängerschaft, ja mittlerweile war es quasi eine Fangemeinde geworden, anscheinend doch nicht. Auch die ehemaligen Parteikollegen, seine Freunde, ziehen nach der miserablen Nationalratswahl reihenweise Schlussstriche. Er gelangt ins innerparteiliche Schussfeuer. Er verliert zunehmend an Rückhalt. Die Affäre rund um die falsch abgerechneten Spesen und die teuer eingekleidete Ehefrau gehören zu dem Image, gegen das Strache jahrelang schier erfolgreich „gekämpft“ hatte. Gegen „die da oben“, die sich alles erlauben würden. Es war der glaubwürdige Verlust der gepredigten „fairen, gerechten“ Ethik und das Anmelden der persönlichen moralischen Insolvenz. Der Verlust für das ansonsten öffentlich ansehnliche Gesicht der Partei, der Weg zum politischen Obdachlosen.

So endet (wer weiß, ob es wirklich endet) also die politische Karriere des gelernten Zahnarzttechnikers. Und die Moral von der Geschicht‘? Nach zig Vodka-Red Bull, man nicht spricht. Zschhhhhh. Prost.

© Felix Haidenberger