Was‘ los, Klagenfurt? Ein Wald im Wörtherseestadion

Kärnten gilt ja gemeinhin nicht gerade als das Mekka des österreichischen Rasenballs. Im Zuge einer, man würde fast sagen, etwas ironischen Selbsterkenntnis hat man nun den Basler Kunstvermittler Klaus Littmann einen Wald ins Wörtherseestadion kloppen lassen. Nun wächst seit letztem Sonntag also Holz aus Deutschland, Italien und Belgien auf dem heiligen Karawankenrasen. Das Holz aus der Viererkette von Austria Klagenfurt, das in Gestalt einer klassischen Fahrstuhlmannschaft zwischen zweiter und dritter Liga hin und her dümpelt, musste demnach also weichen.

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Der Bau des Wörtherseestadions zur EM 2008 war so etwas wie das letzte Vermächtnis von Jörg Haider. Auch, wenn die hochmoderne Arena so ungefähr zweimal jährlich Menschen anlockt, wenn Bon Jovi oder Ed Sheeran wieder einmal mikrofonbepackt durch Europa wackeln und die Stadt Klagenfurt jährlich etwa eine Million Euro für das reine Rumstehen ihrer Prunkkiste bezahlt, erhitzt die temporäre Installation die Gemüter im schönen Süden Österreichs gewaltig. Das Bolzplatzproletariat sieht im „For Forest“ getauften Projekt den Tod des Kärntner Fußballs, auch wenn der WAC, nun halt von Graz aus, Dorfteamglamour in der Europa League versprüht. Das BZÖ sieht sich auch in ihrer Ehre, die ja eigentlich ausschließlich im Schaffen ihres Urvaters Jörgi besteht, gekränkt und ruft prompt zu einer Versammlung mit „funktionsfähigen Motorsägen“ zur Eröffnungsfeier auf. Schön das auch Österreich Mittelklassewutbürgertum richtig gut kann!

Unterklassiger Grottenkick weicht nun also 299 Bäumen, aber warum eigentlich? Das von Landschaftsarchitekt Enzo Enea, einen kitschigeren Namen hätte man sich eigentlich auch nicht erträumen können, umgesetzte Projekt greift die zentrale Intention auf, ob der Wald bald nur mehr als Schauobjekt wie im Museum zu bewundern sein wird. Inspirieren lassen hat man sich dabei von einer Bleistiftzeichnung des Malers Max Peintner aus dem Jahr 1970 namens „Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur“. In dieser gafft ein vollgepacktes Fußballstadion auf einen Wald in, ja diesem Fußballstadion eben. Mit ihrer Dystopie wollen die Initiatoren also ein fettes Rufzeichen hinter den Klimawandel setzen. Das man dadurch die Gehirne von aufgebrachten Populisten mit einer Feder kitzelt ist eigentlich ein netter Nebeneffekt, dass diese sich nun statt Mistgabeln zu Motorsägen greifen wollen, ist eigentlich fast Comedypreis-verdächtig.

Den Zeitpunkt, die Installation in die weite Welt hinauszutragen, hätte man eigentlich auch nicht besser wählen können. Angesichts der Brandrodungen im Amazonas Regenwald und dem allgemeinen Waldsterben findet selbst Littmann das Ganze ein wenig „unheimlich“.

Der Zeitpunkt ist mir ein bisschen unheimlich. Es kommt so was von punktgenau.

Klaus Littmann bei der feierlichen Eröffnung von „For Forest“

Schön ist auch, dass sich die Kärntner nun richtig doll auf die eigene Schulter klopfen können. So bezeichnet der Klagenfurter Tourismusverband den Mischwald im heimischen Stadion als „das größte Kunstprojekt Österreichs“. Auch die Bürgermeisterin Maria-Luise Mathiaschitz findet die Matinee „volle“ cool. „Ihr“ Klagenfurt kann sich so als „moderne und innovative Stadt“ präsentieren. Gut, hier lehnt man sich vielleicht ein bisschen zu weit aus dem Fenster.

Auch wenn die Idee, einen Mischwald in ein hochmodernes Fußballstadion zu pflanzen, auf den ersten Blick vielleicht etwas ironisch-lächerlich klingt, so hat die Aktionskunst im Wörtherseestadion durchaus eine wichtige Message im Petto. Die Bäume sollen übrigens noch bis zum 27. Oktober im Stadion bleiben und sollen dann auf den nahe gelegenen Universitätscampus umgepflanzt werden. Spätestens dann kann auch Austria Klagenfurt sich wieder in seiner 30.000 Zuschauer fassenden „Festung“ vom ESV Parndorf vor ganzen 150 fanatischen Fans überrollen lassen. Das BZÖ freut sich jedenfalls drauf!

© Patrick Lientschnig