Unterwegs durch Österreich, fernab der Realität

Im vierten ORF-Sommergespräch war SPÖ-Parteivorsitzende Pamela Rendi-Wagner bei Tobias Pötzelsberger zu Gast. Während die SPÖ auf ihr schlechtestes Ergebnis einer Nationalratswahl in der zweiten Republik zusteuert, versprüht sie obskuren Optimismus: die Wahl könne (noch) zu ihren Gunsten gedreht werden – wer‘s glaubt.

Sie hat in Italien – inklusive schamlos weggelächeltem Abstecher nach Saint Tropez – Urlaub gemacht. Sie ist durch Österreich getourt, hat mit vielen, vielen Menschen gesprochen und die Meinungen der Österreicher erfahren. Dem Anschein nach hat sie durch die Erholung und der Menschlichkeits-Tour an Selbstvertrauen und Zuversicht gewonnen – ob es eventuell an dem ein oder anderen Champagner zu viel im teuersten Club der Welt liegt, wage ich zu bezweifeln, hoffe ich jedenfalls nicht. Der persönliche Energiering Päms dürfte aufgrund ihrer getätigten Aussagen gegenüber Realität und Wunschdenken jedenfalls nicht differenzieren können, verdammt.

Quelle: SPÖ / Uwe Ditz

Irgendwo zwischen Zweckoptimismus und Realitätsverweigerung, irgendwo zwischen ambitioniert und realitätsfern würde ich Päms gewagte Einschätzung zum Ausgang der Nationalratswahl 2019 einordnen. Auch Dummheit wäre dieser verrückten Vorstellung adäquat, unterstelle ich ihr aber nicht, denn die gelernte Ärztin und einstige Gesundheitsministerin ist de facto bemitleidenswert. „Wir wollen die stärkste Partei Österreichs werden“, meint sie. Welche Partei will das nicht? Wie wählbar ist eine Partei, wenn deren Vorsitzende offensichtliche Probleme hat, Weihnachts- sowie Osterwunsch und die tatsächlich stattfindende Wirklichkeit auseinanderzuhalten?

Anscheinend nur zu rund 1/5 wählbar. In den Umfragen ringt die SPÖ mit der FPÖ Kopf an Kopf um Rang zwei. Der von ihr gesehene Aufwärtstrend der SPÖ findet nicht statt, die SPÖ stagniert seit Wochen bei desaströsen rund 20 bis 23 Prozent, rund 15 Prozentpunkte hinter den Türkisen, die by the way unaufhaltbar zu sein scheinen. Der gepriesene Aufwärtstrend – manche scheinen Aufwind zu verspüren, wenn sie im Gegenwind segeln – gleicht für den objektiven Betrachter einem Abwärtstrend, denn den derzeitigen Umfragen nach droht die kommende Nationalratswahl das schlechteste Ergebnis für die Sozialdemokraten in der zweiten Republik zu werden. Hinter den Ibiza-Freiheitlichen zu landen wäre ein Desaster inklusive ungemütlichem Nachspiel: Päm als die kürzest amtierende Vorsitzende der SPÖ…

But keep smiling: Päm hat für mich insgesamt symphytischer, souveräner und selbstsicherer als bei all ihren vergangenen Auftritten als SPÖ-Chefin gewirkt. Sie gewinnt zwar an Profil, eine Vielzahl ihrer Aussagen wirken dennoch (immer noch) künstlich und einstudiert, während das kurzfristig Improvisierte weder Hand noch Fuß hat, im Endeffekt gar inhaltslos scheint. Deshalb bleibt Platz für mehr: mehr Inhalt, mehr Aussage. Zuerst denken, dann sprechen. Beherzigt Wunschdenkerin-Päm dies, wird sie vor den Kameras besser performen – zugunsten von Wählerstimmen, zugunsten des positiven Windes in ihren Segeln!

Inhaltlich, vor allem bei den Themen Migration, Umwelt, Pendler, würde ich Päms Performance als nahezu eine Kopie der Aussagen von Sebastian Kurz werten. Sie hat erkannt, dass Österreich im Vergleich zu anderen EU-Staaten genügend Flüchtlinge aufgenommen hat, plädiert für eine vor-Ort Bekämpfung der Fluchtursachen und bekräftigte, dass der Bürger (vor allem die sozial Schwächeren und Pendler) durch eine CO2– oder Fleisch-Steuer nicht (noch mehr) belastet werden dürfen. Kennen wir, scheint von der ÖVP übernommen worden zu sein, scheint wie ein Schritt in Richtung zukünftiger Koalition mit der ÖVP zu sein. Ob sie die Vizekanzlerin machen würde, ließ sie offen: die Verhandlungen würden nach der Wahl geführt werden.

Übertönt wurde das Gespräch dann von einem kräftigen „töröö“ nicht unweit des Drehorts. Woher das kam und was das war? Aus einem Lautsprecher, verbaut im Kofferraum eines Autos. Gedacht als ein Werbegag eines Energydrink-Herstellers, halbwitzig, unnötig. Jedenfalls haben sich auch die Grillen als bereits traditionelles störendes Hintergrundgeräusch diesmal noch lauter präsentiert als die letzten Male – zum Nachteil des sprachlichen Dialoges zwischen Pötzelsberger und Rendi-Wagner. Vielleicht bekommt der ORF das zum Finale nächste Woche mit Sebastian Kurz in Griff – beruhigend wäre es!

Doch zurück zum Wahlkampf und dem paradoxen Führungsanspruch von Päm. Mit diesen Umfragewerten unverdrossen den Kanzler(in)-Anspruch zu stellen, amüsiert mich und erweckt fast so etwas wie Mitleid. Denn im schlechtesten, aber durchaus realistischen Fall, muss die SPÖ am Abend des neunundzwanzigsten einsehen, dass die Schönrederei nichts gebracht hat und die ambitionierten, aber realitätsfernen Ziele nicht erreicht wurden. Der Fiebertraum eines Wahlsieges wird spätestens dann feststehen. Und dann muss man verlieren und einen seriösen Abgang hinlegen können: Dann schlägt die Stunde des HPD, des Hans Peter Doskozils.

© Felix Haidenberger