Shut Up And Play The Hits – Die Geschichte von Lcd Soundsystem

Die Straßen von New York – so wild, so rau und so unkontrolliert. Ein Betonkoloss, der in schier unfassbarer Größe und Arroganz über das eigene Selbst existiert – und doch schafft es James Murphy alias Lcd Soundsystem, den Sound der Stadt so einzufangen wie kein anderer zuvor. Er liebt sein New York, doch es zieht in runter. Eine Geschichte von Zerrissenheit, exzessiven Partys und großer Musik. 

Quelle: Nicole Fara Silver/ The NY Times

Eine Zeit, die nach Neuem dürstet

Wir schreiben die frühen 2000er und New York befindet sich in seiner ganz persönlichen Rock-Renaissance. Bands wie die „Strokes“ und die „Yeah Yeah Yeah‘s“ sind der heiße Shit, bleiben dabei jedoch eher nostalgisch und dem kratzigen Sound der Rockgeschichte New Yorks rund um „The Velvet Underground“ treu. Der junge Englischstudent James Murphy träumt jedoch von einer Musikrevolution „seiner“ Stadt. Von einer Musikszene, in der sich verschiedene Stile vermischen, in der gewitzte Texte über verschlüsselte Beats wabern und die Menschen tanzen. Dafür lehnt er einen Autorenjob bei „Seinfeld“ ab, widmet sich seinem Vorhaben und versinkt zunächst einer tiefen Depression.

„The Start“

Murphy ist Anfang dreißig, ein verlotterter Typ der gern in Pyjamahose um seinen Block flaniert, kein guter Musiker und keinesfalls ein guter Sänger. Er ist depressiv, geht in Therapie und findet in seinem Vorhaben zu völlig neuer Stärke. Zunächst beginnt er als DJ, die Clubs des Big Apple aufzumischen. Er vermischt Dancefloor-taugliche technoeske Beats mit Rockeinflüssen und wird schnell zum heißesten Newcomer der DJ-Szene, eifert dabei seinen Idolen von „Daft Punk“ nach. Nach einer Zeit der wilden Partys, der Drogen und der Frauen beginnen immer mehr junge DJ’s, auf den von Murphy eingefahrenen Kurs aufzuspringen und diesen zerfrisst wiederum die unbändige Angst, eine Marionette des Mainstream zu sein. Darum zieht er sich vorerst wieder zurück und beginnt eigene Musik unter dem Decknamen Lcd Soundsystem zu produzieren. 

Nachdem er zunächst für kleinere Bands im lokalen Umfeld produziert, trifft er Tim Goldsworthy, der schließlich den Anstoß gibt, den Phönix Lcd Soundsystem aus der Asche an Selbstzweifel zu erheben. Sie gründen das Plattenlabel „DFA Records“ und Murphy haut mit seiner ersten Single „Losing my Edge (2002)“ einen echten Kracher raus. Die Kombination aus Dance und Post Punk trifft genau auf den Nerv der Plattenhipster, die sich damit schmückten, Daft Punk schon gehört zu haben bevor sie sich an den Mainstream „prostituierten“. Nach einigen weiteren Singles, die alle Murphys virtuos- ironische Textstruktur und harsche Melodien teilten, wurden Schreie nach einem vollen Album laut. Diese Schreie wurden mit der ersten Platte „LCD Soundsystem (2005)“ erhört und wie kaltes kongeniales Wasser in die Gesichter der Fans geklatscht. Murphy machte gute Musik, inspiriert von der Musik seiner eigenen Idole wie den Beatles und David Bowie und wurde dafür völlig zurecht für seinen ersten Grammy (Best Electronic-Dance Album) nominiert. 

Murphy jedoch, wieder versunken in seiner Angst vorm Scheitern, fand das Album abgrundtief schlecht. Der Sound war zu „holzig“, darum packte er für sein nächstes Album „Sound of Silver (2007)“ dasselbe Tonstudio mit Alufolie voll und produzierte prompt und besessen von seinem Wahnsinn sein wohl genialstes Werk. Die Songs um „New York I Love You but You’re Bringing Me Down“ waren persönlicher, Murphy selbst verkörperte nun einen von Charisma triefenden Rockstar – und wieder brachte er die Indie-Rock Szene auf einen Ast mit der von Ecstasy gebeutelten Dance Szene.

Shut Up and Play The Hits

2010 “droppte” Murphys nächster Kassenschlager namens “This Is Happening”. In ihm wandte sich Murphy das erste mal von seinem so wundervoll degenerierten Sound ab. Er versuchte sich im Disco Funkrock und brachte melodischere Tracks wie das heutige Nonplusultra seines Schaffens, „Dance Yrself Clean“, auf den Markt. 

(…); it’s actually pretty perfect.

Pitchfork über „This Is Happening“

Dann kam, völlig unerwartet und wie eine saftige Ohrfeige in das Gesicht der gesamten Musikszene, Lcd Soundsystems wohl legendärster Karriereschritt. Am Höhepunkt seiner Karriere verkündet der damals anerkannte Inbegriff von Cool wie aus dem Nichts seinen Rücktritt aus dem Bandprojekt. Er filmt eine eigene Abschiedsdoku namens „Shut up and play the Hits“ und verabschiedet sich mit einem bombastischen letzten vierstündigen (!) Konzert und einer Tränenflut im Madison Square Garden in den verfrühten Ruhestand. Die Musikwelt weinte eine Träne der Hochachtung und Trauer in Anbetracht dieses bittersüßen Abschieds.

Das Comeback 

Murphy verbringt in den Folgejahren viel Zeit mit seinem wohl größten Idol, David Bowie, für den er dessen letztes Album „Black Star“ produzieren soll. Er spielt mit dem Gedanken, seine Figur Lcd Soundsystem noch einmal aufleben zu lassen, erzählt dies Bowie und dieser rät ihm zur Wiederauferstehung, wohl eine von Bowies letzten großen Taten. 

Das Jahr 2017, Lcd Soundsystem ist zurück! Mit dem Album „American Dream“ spaltet Murphy zunächst die Kritiker, sein Comeback wird mit einem argwöhnischen Auge verfolgt. Doch so sehr man dieses Werk hassen möchte, es ist, ganz in murphyesker Manier, ein fucking Happening! Bowie starb ein Jahr zuvor, Murphy alterte um ganze sieben Jahre und die politische Landschaft in den USA waren und sind noch immer ein Spektakel des Wahnwitzes. All dies war ein gefundenes Fressen für Murphys Zynismus und er schaffte es wiederum, mit seinem bis dato letzten Album allen Kritikern den Hahn abzudrehen.

Lcd Soundsystem ist die Geschichte eines Mannes, der, aufgefressen von der Angst vorm Scheitern, gar nichts tat – bis er keinen Ausweg mehr fand. Aus diesem selbstbemitleidenden Anfangdreißiger wurde jedoch ein Revolutionär amerikanischer Rockmusik, einer der bedeutendsten Künstler der 2000er und völlig zurecht eine ikonische Figur seiner Zeit, seiner Stadt und seiner ganz atypischen Lebenswelt.  

© Patrick Lientschnig