„Lass das mal den Papa machen.“ – Warum Stromberg ein Fels in der Brandung deutscher Comedy ist

Das Bild zeichnet die deutsche Betonbauten-Ödnis, Menschen in modrig anmutender Bürokleidung flanieren in strammer Montagsmanier um die Betonwüste und klammern sich dabei an ihre Aktentaschen, als wären sie der einzige Rettungsanker in dieser gespielten Tristesse. Die Menschen waren wohl immer Jäger und Sammler. Im (vermutlich) nordreihn-westfählischen Bürodschungel jagen sie allerdings Akten, Beförderungen und Mittagsmenü-Coupons und sie sammeln Gehaltsschecks, die sie dann für zweit- und drittklassige Modelabels wie Marc’o’Polo und Daniel Hechter aus dem Fenster werfen. Als die Drumroll des Songs „Flim“ von The Bad Plus einsetzt, tritt Bernd Stromberg in den veralteten Fahrstuhl. Eine Symbiose von Held und Antiheld, von Sympathieträger und Hassobjekt. Er gähnt bestimmend in die Kamera. Ein Blick in das aufgerissene Maul der Abteilungsleiter-Personifikation – in seinem auserkorenen Revier – der Capitol Versicherung.

© Gunnar A. Pier

Die Serie Stromberg ist eine Ode an das deutsche Arbeitervolk. Eine Überinszenierung des Alltäglichen, die sich in der Einzigartigkeit ihrer Charaktere versteht. Sie ist eine Mockumentary, angelehnt an die Serie „The Office“ von Ricky Gervais. Die Abteilung Schadensregulierung M-Z ist dabei der Ort der Banalität, die selbige wohl auch gerade in der fehlenden Banalität dieses vermeintlich öden Ortes verbirgt. Ihr Regent Bernd Stromberg mutet wie ein eiserner Diktator an, der es jedoch versteht, in jegliches Fettnäpfchen blind hineinzuköpfeln, das sich irgendwie am grauen und mit Kaffee befleckten Teppichboden auftut. Vermutlich auch, oder gerade weil für ihn die Empathie bloß eine Hautcreme zu sein scheint, die sich bereits nach der ersten Arbeitsstunde so tief in die Poren aufgesogen hat, dass sie für den Rest des Tages unwiederbringlich von Flöten geht.

Der Abteilungsleiter versteht sich durch eine liebevoll gemeinte Abneigung gegen Ausländer und Frauen, er verachtet den jüngeren, erfolgreicheren und aussichtsreicheren Kollegen Sinan Turculu. Er scheint auf der Karriereleiter stecken geblieben zu sein, weicht dieser Erkenntnis jedoch mit einem dicken Pelz an Ironie aus und schleudert wild ein Füllhorn an zitierwürdigen Verdrehungen von Sprichwörtern heraus. Für ihn ist Büro Krieg, und er lässt den Zuschauer dabei mit einer geballten Portion an Fremdscham und Schadenfreude über ihn teilhaben.

‚Ne Firma ist wie `ne Ehefrau, die fickt dich wenn du gar nicht mehr damit rechnest.

Stromberg, Der Film

Ebenso raffiniert wie die Figur Bernd Stromberg selbst sind jedoch jene, die um diesen einzigartigen, von Christoph Maria Herbst verkörperten, Charakter tagtäglich, beziehungsweise fünf Staffeln lang, um das mal im Netflix-Jargon auszudrücken, herumschwirren, ihm eine Oberfläche bieten für seine Ironie, seinen Kitsch und allgemein der Fragwürdigkeit jeglicher Sätze, die er so in die Welt hinaus bläst.

Da wäre Berthold Heisterkamp, kurz Ernie, gespielt vom wahnwitzig-genialen Bjarne Mädel. Er trägt irgendwie falsch ansitzende Kurzarmhemden, gepaart mit einer Krawatte, deren Muster jeglichen Sinn für Modebewusstsein schon im Ansatz zerschlägt. Bestärkt wird die Schlodrigkeit dieser Figur noch von den Stirnfransen, die Erni ziellos ins Gesicht wabern. Er ist der geborene Dorftrottel, leckt in den Pausen gern an Zuckerwürfeln und schafft es sonst auch nur, seine zweifellos fehlende Intelligenz mit grenzenloser Dummheit zu bedecken.

Nächster der Garde Schadensregulierung M-Z wäre Ulf Steinke. Der geborene Pausenclown, für den Ernie ein gefundenes Fressen scheint. Schikaniert er diesen nicht, ist er einer dieser Sorte Mann, der sich daran ergötzt, stundenlang über Tücken einer bestimmten Sorte Automotor zu referieren, über versexte und eventuell auch etwas sexistische Frauenwitze zu lachen und die Spiele von Borussia Dortmund mit „seinen Jungs“ in der „Kneipe“ zu verfolgen. Das Nonplusultra des westdeutschen Mannbilds sozusagen. Er findet sich in einer anbahnenden Beziehung zu Büroschönheit Tanja Seifert wieder, schafft es jedoch, unter Vorwand des Beweises seiner makel- und gefühllosen Autoliebhabermännlichkeit, etwaige Gefühlswindungen stringent im eigenen Nirvana verschwinden zu lassen.

Erika Burstedt, die etwas korpulente – wenn nicht krankhaft adipöse – Büro-Mutti ist aufgrund ihres Körperbaus stetig eine dicke, fette Zielscheibe für Ausbrüche des Empathieversagens von Stromberg und dadurch ein entscheidender Baustein für die Genialität der Serie. Wird sie jedoch nicht beleidigt, ist sie vor der Kamera nur in der Büroküche anzutreffen, wo sie jeglichen Essensvorrat in sich schlingt wie eine wandelnde Biotonne.

Schönheit ist ja oft nur `ne Frage von Licht an oder Licht aus.

Stromberg, Serie

Stromberg  verbirgt jedoch neben den oben genannten zahlreiche weitere Charaktere, Chefs, Cafeteriamitarbeiter und Putzpersonal, die alle eines eint: Sie bieten einen einzigartigen Raum für Bernd Stromberg, in seiner Selbstherrlichkeit wahllos herumzuwildern.

Auf Basis einer Halbglatze, gepaart mit dem typischen Klobrillenbart, schafft es die Serie Stromberg, gepflegten Herrenhumor so darzulegen, dass er trotz manchmaliger Grenzwertigkeit keinerlei Angriffsfläche für alljene bietet, die mit Ying und Yang Tattoo auf dem Schulterblatt Cappuccino schlürfend stets Political Correctness predigen. Christoph Maria Herbst schafft es, Bernd Stromberg so zu verkörpern, dass man ihm sowohl grenzenlosen Hass, aber zugleich auch Bewunderung für die Stringenz seiner Stupidität entgegenbringen kann und bleibt dabei immer einen Lacher wert. Darum ist Stromberg zurecht ein echter Klassiker deutscher Comedy und weidet ebenfalls zurecht in einer Wiese gespickt mit Grimme Preisen und was es da halt sonst noch so gibt.

Für Sexismus ist sie gar nicht mein Typ!

Stromberg, Serie

© Patrick Lientschnig