Friedemann und Freunde – Ein Podcast aus den Untiefen Deutschlands literarischer Zukunft

Würde man einen Cappuccino schlürfenden Berlin Mitte Autor karikieren, dann hätte er wohl diese himmelblauen Hemden ohne Kragen an, er würde sich an seinem minimalistischen Lebensstil ergötzen – und er würde Friedemann heißen. Friedemann Karig, um genau zu sein. Neben seiner Haupttätigkeit, genau dieses überspitzte Porträt zu verkörpern und das blau hinterlegte Gecko auf dem Cover seines neuen Romans „Dschungel“ der Instagram Community auf zahlreichen Stories unter die Nase zu reiben macht Friedemann Karig genau das, was man als Cappuccino schlürfender Berlin Mitte Autor nebenbei so macht – einen Podcast – exklusiv auf Spotify natürlich, als wäre der vorangegangene Einschub nicht schon Stereotyp genug.

Ebendieser heißt Friedemann und Freunde. Und er besteht nicht, wie man für das vorhin gezeichnete menschliche Abbild eines Avocadosmoothies vermuten könnte, darin, einen selbstverliebten Monolog über den eigenen Gucci Beach Lifestyle zu halten, denn Friedemann Karig – auch wenn man das kaum glauben mag – ist vielmehr als ein menschliches Abbild der Selbstinszenierung, das sich den selbstschmeichelnden Berufstitel Freier Autor in die Insta-Beschreibung kräkelt.

Karig versucht in „Friedemann und Freunde“, Gäste aus seiner eigenen bunten Medienwelt zu Wort kommen zu lassen und macht dies nicht mit dem südtirolerischen Pseudoinvestigativismus von Markus Lanz, er macht es unbescholten ehrlich, fast erfrischend eigentlich. „Vom Frauenbild in den Medien, von der Angst vorm Scheitern bis zu Dickpicks“, versucht der Autor, reale Problematiken der heutigen Welt zu durchleuchten, aber sich auch Themen zu widmen, die eine Gesellschaft, die ihre Allgemeinbildung primär aus Memeseiten wie Pubity zieht, bewegen.

Die Gästeliste von Friedemann und Freunde sorgt dafür, dass einem Gelegenheits-Mediennerd wie mir die Synapsen im vom Koffein modrigen Gehirn wild vor Euphorie aufblitzen. Leo Fischer, einstiger Chefredakteur des Satiremagazins Titanic, spricht von der Satire als letzten Rettungsanker des Journalismus und wirkt dabei ungeheuer stolz darauf, dass ihn der Papst mal für einen Text verklagt hat, berechtigterweise eigentlich. Charlotte, auf Instagram ganz bodenständig „Chailatte“, Roche spricht ehrlich und offen über ihre Beziehung, die dem ersten Anschein nach eher einer Folge von einer völlig misslungenen Netflix Seifenoper gleicht. Ach ja, und natürlich wird Juso-Chef Kevin Kühnert mit Fragen zu seiner fast krankhaften und alles andere als Staatsmännisch anmutenden Kaputzenpulli-Obsession durchlöchert, ohne dabei außen vor zu lassen, was er gerade politisch so treibt.

Ich kann mir auch den ganzen Abend Schlagermusik reinziehen. Rex Gildo oder so. Das ist doch großartig.

Kevin Kühnert in Friedemann und Freunde

Tarik Tesfu, Jeannine Michaelsen und Leslie Clio, würde man alle bisherigen Gäste des Podcasts in einem Raum versammeln, dann käme irgendwas zwischen About You Awards und Grimme Preis heraus. Ein Mittelding zwischen Hipstergesellschaft und progressiven Mediennarren sozusagen. Ein Mittelding, wie die Hemden ohne Kragen, die Friedemann Karig an den von Kaffee und Kippen ausgedünnten Leib gewachsen scheinen.

In zirka 50 Minuten pro Folge übt sich Karig alle zwei Wochen in einem Divedeep in die innere Gedankenwelt seines Gegenübers. Mal mehr und mal weniger spannend, mal mehr und mal weniger gehaltvoll – dennoch schweift er von der Flut an Onanie über das eigene Selbst ab, die die Podcastlandschaft langsam aber sicher überrollt, wenn Paul Ripke zum Beispiel wieder in einem Monolog über seinen saugeilen Job bei der Formel 1, über Los Angeles oder über andere Anekdoten seines Goodlifes referiert, das allen Anscheins nach den Sinn des Daseins am Flaschenboden einer Moet-Flasche sucht.

Friedemann Karig weicht mit seinem Podcast vom vorherrschenden Kurs ab, ist ehrlich, oder er täuscht es wahnsinnig gut vor, an seinem Gesprächspartner interessiert und paart diese Ehrlichkeit mit der für die Aufmerksamkeitsgesellschaft nötigen Ironie. Dadurch schafft er es, ein Bild von seinen Gästen zu zeichnen, das irgendwo im Mediennirvana zwischen Spiegel Online und Bild Plus verloren geht. Er hat den Podcast neu erfunden. Das ist groß. Dafür kann man ihm auch die eine oder andere stereotypische Berlin Mitte Marotte mit einem zwinkernden Auge verzeihen.

© Patrick Lientschnig