Watch out!

Die Causa „Sea-Watch 3“ rund um die Festnahme der Kapitänin Carola Rackete schlägt derzeit medial hohe Wellen. Sie hatte sich am 30. Juni, nach tagelanger Irrfahrt durchs Mittelmeer, über ein Verbot der italienischen Behörden hinweggesetzt und ist im Hafen von Lampedusa eingelaufen. Zu diesem Schritt habe sie sich entschieden, weil sie befürchtet hätte, dass die sich an Bord befindlichen Migranten in die Adria springen könnten. Unterstützung erhält sie von vielen Politikern und Prominenten – die rechte Fraktion dagegen hält sie für eine Kriminelle. Doch ist es menschlich, den Gesetzes-Verstoß zur Rettung von 40 Flüchtlingen der Kapitänin Carola Rackete zu sanktionieren?

Wenn ich ein Kind im Badesee rette, das zu ertrinken droht, ist mir eine positive Resonanz in den Medien sicher. Wenn ich viele Kinder rette, darf ich vermutlich mit der Verleihung des Ehrenzeichens „Lebensretter“ durch das Land bzw. die Republik rechnen. Soweit verständlich. Soweit human.

Carola Rackete hingegen hat 40 Menschen an Bord der „Sea-Watch 3“ durch die Einfahrt in einen sicheren Hafen in Italien gerettet. Und sie wurde verhaftet. Zynisch, wenn man bedenkt, dass diese Flüchtlinge (zur Erinnerung: Menschen, wie du und ich) so verzweifelt sind, dass sie tausende Euros aufbringen, um sich den dubiosen, undurchsichtigen und verantwortungslosen Schleppern anzuvertrauen, die sie am Mittelmeer dann irgendwo in wackeligen und lebensgefährlichen Schlauchbooten zurücklassen. Jeder andere Schiffsführer hätte dasselbe machen müssen: Menschen in Seenot retten! Dies gilt auch für jeden Flüchtling, der versucht, illegal nach Europa zu gelangen. Das Leben eines jeden Menschen ist zu schützen. Punkt.

Obendrein besteht für jedes Schiff auf hoher See das sogenannte Nothafenrecht. Dieses ermöglicht, dass Schiffe auch ohne Erlaubnis in Häfen einlaufen können. Wie bereits erwähnt, standen die geretteten Menschen – viele davon Nichtschwimmer – angeblich kurz davor, ins Meer zu springen, um das Festland zu erreichen. Das hätte ihren sicheren Tod bedeutet. Was sich in diesen Minuten auf dem Boot abgespielt hat, lässt sich objektiv nicht beurteilen –  es wäre reine Spekulation.

Laut Salvini, dem rechtspopulistischen Innenminister Italiens, sowie der Einstellung vieler rechter Politiker nach könnte Mord durch Unterlassen der Hilfeleistung „alltäglich“ werden. Wenn Salvini weiters hofft, dass Rackete hinter Gitter kommt, zeichnet sich ein weiterer Schritt in Richtung Dehumanisierende ab – eine Richtung und etappenweise Wandlung, die nicht nur bedrohend für Flüchtlinge ist. Die populistische Regierung Italiens will sich nicht klein und nachgiebig zeigen, sondern provoziert die offene Konfrontation mit der EU auf dem Rücken der Flüchtlinge. Dafür nimmt sie in Kauf, dass im Meer die Flüchtlinge ertrinken, und bestrafen jene, die sich dagegenstellen und zu Recht behaupten, dass man das doch nicht machen kann. 

Carola Rackete höchstpersönlich, Sea Watch und viele andere Rettungsorganisationen weigern sich mit Mut, Beharrlichkeit und Menschlichkeit, den schon viel zu lange andauernden Massenmord am und im Mittelmeer zu dulden. Nicht diejenigen, die täglich Leben retten, sondern jene, die unmenschlich und menschenverachtend darauf reagieren, sollten ins Gefangenenhaus. Wer dann darin sitzt bzw. als Lebensretter gefeiert wird, liegt auf der Hand.

© Felix Haidenberger