Auch Deutsche unter den Opfern

Benjamin von Stuckrad-Barre. Ein Name, der bei jedem Feuilletonjournalisten im Lande sofort zu einem frühzeitigen Freudenhormonerguss führt. Klingt doch geil. Klingt doch sophisticated.

In seinem 2010 erschienenen Buch „Auch Deutsche unter den Opfern“ übt sich der deutsche Popliterat in einer Ode an sein Heimatland. Er durchstreift die Republik querbeet, auf der Suche nach dem alltäglichen und so nichtalltäglichen Wahnsinn einer Gesellschaft, die der breiten Auffassung nach nicht stereotypbehafteter sein könnte.

Mit Til Schweiger im Kino, mit Udo im Hutgeschäft in Hamburg – der Autor porträtiert gewitzt schelmisch, jedoch unter der Wahrung einer dem Leser ernstgemeint entgegen schwingenden Beachtung der Akteure, jene Persönlichkeiten, die sein Deutschland eben so ausmachen. Er balanciert dabei auf einem schmalen Grat zwischen Reportage mit Lernfaktor und stupider Heimatparodie. Eben dieser Umstand macht das Buch so lesenswert und sorgt für den gewissen Kitzel beim Rezipienten.

Der deutsche Regisseur und gute Freund des Literaten, Helmut Dietl, reüssiert in Anbetracht von Stuckrad-Barres Werk voll des Lobes:

„Er schreibt Szenen, Momentaufnahmen, szenische Ausschnitte. Von diesen Ausschnitten kann der Leser auf das Ganze schließen oder auch nicht. Im ersten Fall amüsiert er sich, im zweiten denkt er darüber nach, worüber er sich amüsiert hat und was das Ganze sein könnte.“

Struckrad-Barre porträtiert in seinem Buch jedoch nicht nur Personalia. Er versteht sich selbst als Chronist des Alltäglichen. Er blickt hinter die Kulissen des deutschen Fernsehens, verarbeitet Marcel Reich-Ranickis legendäre Nichtannahme des deutschen Fernsehpreises und sorgt dadurch bei Liebhabern und Hassern gleichwohl für Freudensprünge. Er geht auf Straßenwahlkampf mit der CDU und der Linken, legt eine schlüssige Aufklärung des ewigen Konkurrenzkampfes des deutschen Stadionpops vor. Grönemeyer VS Westernhagen, 90‘s Kids will remember.

Aber auch auf stupide Thematiken greift der in breiten Kulturkreisen anerkannte Skandalintellektuelle zurück und schafft es dadurch, Leser aus den unterschiedlichsten Interessenssphären abzuholen. Ein Besuch im Outlet-Center, die alltägliche Banalität. Auf dem Abwrackhof, Deutschland gegen die Türkei im Zeitraffer und ein Divedeep in die Welt von Scientology. Breitgefächerter hätte man kaum in das Deutschland von 2010 eintauchen können.

Als Conclusio lässt sich darlegen, dass „Auch Deutsche unter den Opfern“ genau das hält, was es verspricht. Eine liebevoll ernst gemeinte Reportage, die es trotz alldem schafft, den Leser durch einen witzelnden Schreibstil mitzureißen. Benjamin von Stuckrad-Barre trifft sein Deutschland so auf den Punkt wie ein Vodka Lemon Mario Baslers Gehirnzellen.